1 / 309-311
ZAHNWURZ
Dentaria - Crucifera
VON DEM ZAHNKRAUT.
Der
Zahnkreuter haben wir heutiges Tags fünff underschiedliche Geschlecht/ die
einander gar nahe verwandt/ unnd deren wegen billich fast mit gleichen Namen
genennet werden.
l. Das erst Geschlecht hat ein lange ungleiche Wurtzel/ von vielen
Knödtlein oder Gleychen zusammen gesetzt/ so man die von einander absündert/
seynd sie anzusehen wie Menschenzähn/ dher es auch den Namen Zahnkraut hat. Es
hat Bletter die sind breyter unnd grösser dann die Bletter deß
Fünfffingerkrauts/ je fünff an einem Stiel/ die sind gerings herumb ziemlich
tieff zerkerfft/ fast den Blettern deß
Hanffkrauts ähnlich/ außgenommen
daß
sie kürtzer sind. Es gewinnt ein schmalen/ runden stengel/ der wird nicht viel
uber spannen lang/ darauff wachsen purpurbraune schöne Blümlein/ die sind den
braunen Gartenveieln ähnlich. Wann die abfallen unnd vergehen/ so folgen auch
solche Schötlein hernach wie die Schötlein der gemeldten Violen/ darinnen ist
der Samen verschlossen. Dieses Kraut wächst in den dunckeln feuchten Wäldten/ in
den Gebürgen/ fürnemlich aber in dem Schwartzwaldt/ und auff dem Gebürg unden am
Feldberg bey Königstein/ und andern mehr Orten. Es bringt seine Blumen im end deß
Aprillens und im Meyen.
ll. Das zweyte Geschlecht/ hat ein lange/ ungleiche uberzwerche
weisse Wurtzel/ mit vielen Zincken/ den weissen Corallen ähnlich/ außgenommen/
daß
sie dicker sind. Die Bletter sind lang und schmäler dann die vorigen/ sind auch
subtiler und mit kleinern schnitlein zerkerfft/ die sind gegen einander gesetzt/
deren sind fünff und auch sieben an einem stiel/ den Blettern deß
Baldrians ähnlich. Es gewinnt ein runden/ dünnen/ bintzechtigen Stengel/ fast
einer Elen lang/ darauff wachsen weisse Blümlein von vier Blettern/ den vorigen
der gestalt halben gleich/ wie auch die Schötlein darinn der Samen verschlossen
ist/ welcher dem Samen der Winterviolen ähnlich. Es blühet im end deß
Aprillen und im Meyen. Wächst in finstern Wäldten im Maßgaw/
und auff dem Donnersberg.
lll. Das dritt Geschlecht deß
Zahnkrauts/ hat ein Wurtzel kleinen Fingersdick/ die ist von vielen Zincken oder
Gleychen zusammen gesetzt/ anzusehen wie die Wurtzel deß
Engelsüß/
ist weiß
glantzend wie die vorig. Die Bletter sind den Blettern der Christwurtz ähnlich/
und auch also zerschnitten oder zerkerfft/ je fünff an einem Stiel. Der stengel
ist zart/ bintzecht unnd Elen lang/ die Blumen seyn bleychrot/ den vorigen an
der gestalt gleich/ wie auch die Schötlein/ darinn ein kleiner Samen
verschlossen ist. Dieses gantz Gewächs hat ein hannigen und bitteren Geschmack.
Es wächst in dem Gebürg zwischen Mümpelgart und Basel/ deßgleichen
in dem Vehsch gebürg zwischen Spinal und Fontenau. Es blüht im Frühling gleich
im anfang deß
Meyens. [Dieses kompt mit dem ersten Geschlecht uberein.]
lV. Das vierdte ist dem ersten mit der Wurtzel/ die sich mit viel
Stücklein zertheilen lässet/ den Menschen Zähnen ähnlich gantz gleich/ allein daß
sie denn Zähnlein oder Knödlein weniger hat/ die Bletter sind auch schmäler/ und
enher zerkerfft/ und oben nicht zerkerfft/ von Farben dunckelgrün/ welche auch
viel schmälers sindt dann die understen/ deren findet man an einem Stiel sieben
und auch fünff/ die sind auch fast den Blettern deß
Baldrians ähnlich. Der Stengel wird von anderhalb schuchlang/ die Blumen sind
bleichrot/ den vorigen der gestalt nit ungleich. Die Wurtzel hat ein räsen unnd
trucknen Geschmack. Dieses Geschlecht wächst in dem Thüringer Waldt/ und andern
dunckelen orten deß
Spessarts und Schwartzwaldts.
V. Das fünfft Geschlecht hat ein Wurtzel die ist der Wurtzel deß
dritten ähnlich/ die Bletter sind undenher breyt wie sie von der Wurtzel herauß
wachsen/ unnd oben her am Stengel spitzig und schmal/ mit groben schnitten
zerkerfft/ je drey Bletter an einem jeden Stiel/ der Stengel wirdt anderhalb
Spannenlang/ unnd findet man selten uber drey Bletter an einem Stengel/ also das
uber neun Bletter an dem Stengel nicht gesehen werden/ die seynd von farben
schwartzgrün. Die Blümlein seynd den vorigen der form und gestalt halben/
gleich/ aber von farben bleychgrün/ die Hörnlein oder Schötlein die nach den
Blümlein wachsen darinnen der Samen verborgen ligt/ seynd den andern Schötlein
auch gleich/ seynd allein etwas lenger und spitziger. Dieses blühet wie die
andern Zahnkreuter im ende deß
Aprillen unnd im Meyen. Es wächst in den Gebirgen unnd dunckeln Orten unnd
Wälden wie die vorige Geschlecht.
Von den
Namen der Zahnkreuter.
Es haben die Zahnkreuter jren Namen daher bekommen/ dass die
Knötlein oder Gleych der Wurtzeln/ wann sie von einander abgesöndert und zerlegt
werden/ den Menschen Zähnen ähnlich seynd. Was aber die gemelte Kreuter bey den
alten Aertzten vor Namen gehabt haben/ oder ob jhnen dieselben bekannt gewesen
oder nicht/ ist von niemand noch angezeigt worden. Unsere Kreutler nennen sie
gemeiniglich DENTARIAS umb der obenerzehlten ursachen willen.
l. Das erst Geschlecht wird von jhnen genannt CONSOLIDA DENTARIA,
SYMPHYTUM DENTARIUM, SANICULA DENTARIA, unnd DENTARIA QUINQUEFOLIA. REMBERTUS
DODONAEUS nennet alle Zahnkreuter/ deren er zwey beschrieben hat/ VIOLAS
DENTARIAS, dieweil die Blumen derselben kreuter den braunen Garten Veieln gleich
seynd.
ll. Das zweyte Geschlecht wird von VALERIO CORDO CORALLOIDES
genannt/ und von den andern Kreutlern SYMPHYTUM CORALLOIDES, CONSOLIDA
CORALLINA, unnd SANICULA CORALLINA, dieweil die Wurtzel den weissen
Corallenzacken etlichermassen der gestalt halben ähnlich seynd. Es wird auch von
etlichen ALABASTRIRES ALPINA genannt. Teutsch/ Corallenwurtz/ Corallenguntzel
und Corallensanickel.
lll. Das dritt Geschlecht wird von den Kreutlern CORALLOIDES ALTERA,
DENTARIA CORALLINA ALTERA, und DENTARIA QUINQUEFOLIA ALTERA genannt.
lV. Das vierde Geschlecht wird von den Kreutlern DENTARIA
SEPTIFOLIA, und DENTARIA HEPTAPHYLLUS genannt.
V. Das fünffte Geschlecht wird von den Kreutlern DENTARIA TRIFOLIA,
dieweil es an einem Stiel nur drey Bletter hat/ und DENTARIA ENNEAPHYLLOS,
sintemal es gemeiniglich nur neun Bletter an einem Stengel hat/ genannt.
Von der
Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Zahnkreuter.
Alle Geschlecht der Zahnkreuter/ haBEN EIN WÄRMENDE UND TRUCKNENDE
Natur/ mit einer kleinen zusammenziehung/ wie die Sanickelkreuter/ und seynd
warm und trucken im zweyten Grad. Werden heutiges Tags zu den Wunden und Schäden
gebraucht wie die Sanickelkreuter.
Jnnerlicher
Gebrauch der Zahnkreuter.
Alle Zahnkreuter werden höchlich gelobt zu den Brüchen und allen
jnnerlichen Wunden. Zu den Brüchen soll mans zu Pulver stossen/ und viertzig Tag
lang nach einander deß
Morgens früh nüchtern ein halb Loth mit gedistillirtem Walwurtzwasser/ oder in
Mangel dessen mit der gesottenen Brühen von der Wurtzel zertrieben/ trincken/
unnd darauff drey Stunden nüchtern bleiben. Das Kraut aber soll man außwendig
wie ein Pflaster auff den Bruch legen/ und mit gebendt wol versorgen daß
der Bruch darinnen bleibe. Werden auch heylsamlich zu den Wundträncken
gebraucht/ und nützliche Wundölen und Pflaster darauß
gemacht.