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WIESENRAUTE
Thalictrum-Ranunculaceae
VON DER WIESENRAUTHEN
Der Wiesenrauthen findet man sechs underschiedliche Geschlecht/ nemlich dess grossen fünf/ unnd dess
kleinen ein Geschlecht.
l. Daserste Geschlecht der grossen Wiesenrauthen/ hat eine Wurtzel Fingers dick/ von Farben geel/ mit vielen
Nebenwürtzlein oder Zaseln/ die weit in der Erden umb sich kreucht/ unnd viel junger Stöckleinoder Zweyglein von sich
ausstreibt/ und sich also selber mehret. Die Bletter seynd etlicher massen der Rauthen gleich/ doch vergleichen sie sich viel mehr
den Blettern dess Eppichkrauts oder Liebstöckels Blettern/ doch steiffer und brauner/ und unden her etwas mit bleychgrün
vermischt/ oben aussen sattgrün. Der Stengel wird anderthalben und zwoer Ehlen lang/ mit vielen Nebenästen/ von holkelen/
schiereckechtig/ von Farben braun/ und auch bissweilen grün/ jnwendig hol. Am Obertheil dess Stengels und der Nebenästlein/
gewint es ein schönen Dolder/ von vielen grüngeelen und wollechtigen zusammen getrungenen Blümlein/ eines starcken Geruchs.
Wann die vergehen/ folgen hernach dreyeckechtige kleine Schötlein/ darinn ist der runde Samen verschlossen. Dieses Gewächs
findet man uberflüssig viel/ in den bergechtigen feuchten und nassen Wiesen/ bey Mümpelgart/ wie man auff Lyle und Byzanz zu
zeucht. Dessgleichen auch an vielen Orten Teutschlands/ und sonderlich auff der grossen Weyde/ zwischen den beyden
Churfürstlichen Stätten/ Oppenheym und Meynz.
ll. Das ander Geschlecht/ ist dem jetztgemelten gleich/ allein seynd die Bletter schwartzgrüner unnd kleiner/
dann dess jetztbeschriebenen/ zu dem seynd die Stengel runder und ohne holkelen/ sonst ist es mit Wurtzeln/ Blumen und Samen/ den
obgemelten gleich. Es wächst im Gebirg auff den Wiesen bey Milte(r,n)berg/ und im Schwartzwald/ im nassen grassechtigen Erdreich.
lll. Das dritte Geschlecht/ hat schöne veielbraune Blümlein/ so viel die Blätlein anlanget/ aber die
Fäselein in denselbigen sind geel/ ist sonst mit Blettern/ Stengel/ Wurtzel und Samen dem ersten Geschlecht gleich. Das wird in
Braband und Hochteutschland in den Lustgärten gezielet/ und zu Lust gepflantzet.
lV. Das vierde Geschlecht/ hat lengere und dickere Stengel/ von Farben purpurbraun. Die Bletter seynd grösser
und breyter/ dann dess nechstgemelten/ von Farben blaw grün/ wie das Ackeleyenkraut/ die Wurtzel und Blumen seynd dem ersten
gleich. Der Geruch ist stärcker und schwerer als der andern/ unnd wird auch dieses Geschlecht in den Lustgärten gezielet/ ist
mir erstlich von Spanischen Samen auffkommen/ welcher mir der Edel Herr Carolus von Wildberg/ dess hohen Thumbstiffts zu Wormbs
Thumbsenger/ mitgetheilet/ den er von seinem Bruder Herr Henrichen von Wildberg/ der Königlichen Würden in Hispanien Rath/ mit
andern vielen frembden Gewächs Samen empfangen hat.
V. Das fünffte Geschlecht/ hat viel kurtzer/ kleiner/ bleichgeeler Wurtzeln/ die seynd krumb/ lückechtig und
durcheinander geschrenckt/ die vergleichen sich den Geyerlein oder Garten Rapuntzeln. Der Stengel ist anderthalb unnd biss in zwo
Ehlen lang/ wie der Stengel dess ersten/ ist doch dünner/ und hat tieffere holkelen/ von Farben bleychgrün: Die Bletter seynd
schmaler und kleiner/ dann die Bletter der obgemelten/ seynd dreyeckig/ vergleichen sich an d'Gestalt der understen blettern/ dess
wilden Vogelnests oder Pastenachsblettern. Die Blümlein seynd bleichgeel/ die riechen lieblicher als die obgemelten/ fast wie
Holderblühet. Es wächset auch dieses Gewächs an den Orthen/ da das erste Geschlecht gefunden wird.
Vl. Das sechste Geschlecht ist das allerkleineste/ hat eine harte/ zaselechtige/ schwartze Wurtzel/ die Bletter
seynd dem ersten Geschlecht gleich/ doch viel kleiner/ die Stengel an der Gestalt seynd zarter unnd kleiner/ etwan zwoer
Spannenlang/ die Blümlein deren es weniger hat als das gross/ die neigend sich auff bleychgeel. Der Geruch ist starck dem vorigen
gleich/ es wächst an feuchten Orten/ auff bergechtigen Wiesen/ und auff dem Gebirg/ da es rinnende Bächlein oder Brunnenflüss
hat.
Von den Namen dess Wiesenrauthen
Es seynd viel under den Gelehrten dieser Zeit/ die die Wiesenrauthen vor das THALICTRUM DIOSCORIDIS halten. Sie
aber fehlen. Was aber das wahre THALICTRUM seye/ haben wir oben vom Sophienkraut angezeigt. Was aber dieses Gewächs bey den
Alten/ und wie sie es genant haben/ seye/ hat noch niemands angezeiget. Dz ich aber meine Meynung auch darvon sage/ so halte ichs
vor das PHELLANDRIUM PLINII, LIB.27.C.12. Und wiewol er dasselbige kurtz beschreibet/ so ist doch von allen denen Gewächsen die
vor PHELLANDRIA angedeutet worden keines/ das sich dess Orts halben/ da PHELLANDRIUM wachsen soll/ auch die Gestalt der Bletter/
wie auch die Krafft und Wirckung/ die PLINIUS demselben Gewächs zuschreibet/ besser darzu schicket/ dann eben diese unsere
Wiesenrauthe/ sintemal alle Anzeigungen/ neben der Krafft und Wirckung dess PHELLANDRII, durch die langwierige Erfahrung/
durchauss an diesem Kraut befunden worden seyn/ also dass man nicht zweiffeln soll/ dass die Wiesenrauth das PHELLANDRIUM PLINII
seye.
Die Gelehrten zu Mompelier nennen unsere Wiesenrauthen SAXIFRAGIAM LUTEAM, dieweil die Wurtzel wie auch das
Kraut/ den Nirenstein zermahlet unnd aussführet. Von den Kreutlern wird es RUTA PRATENSIS, RUTA VULNERARIA, und RHABARBARUM
ADULTERINUM genannt/ Dieweil etliche unerfahrne Kreutler/ und sonderlich die Zahnbrecher/ die Wurtzel von dem Kraut vor RHABARBARA
verkauffen. Hochteutsch heisset es/ Wiesenrauth/ und zum underscheid der kleinen gross Wiesenrauth/ Wundrauth und Heylblat/ von
wegen seiner heylsamen Krafft die es hat die Wunden zu heylen.
ll.lll. Das zweyte und dritte Geschlecht haben jhre Namen mit dem ersten gemein.
lV. Das vierde Geschlecht/ wird PHELLANDRIUM HISPANICUM, zum underscheid der
andern so bey uns wachsen/ genennet/ Und Teutsch/ Spanisch Heylblat.
V. Das fünffte Geschlecht heisset PHELLANDRIUM TENUIFOLIUM, und RUTA PRATENSIS
TENUIFOLIA, bey den Kreutlern.
Vl. Das sechst und kleineste Geschlecht heisset PHELLANDRIUM minus, UND ruta pratensis minor. Hochteutsch/
klein Wiesenrauth/ und klein Heylblat.Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Wiesenrauthen
Die Wiesenrauthen haben ein Krafft und Eygenschafft mittelmässig zu erwärmen/ unnd zu trucknen mit einer
Abstriction/ mögen jnnerlich und eusserlich nützlich in der Artzeney gebraucht werden.
Jnnerlicher Gebrauch der Wiesenrauthen
Die Wiesenrauthen vor sich selbst gebraucht/ oder die jungen Bleter mit Gemüsskreutern vermischt/ unnd in der
Kost genossen/ erweichen den Bauch/ und machen sanffte stulgäng. Sonst dienet dieses Kraut insonderheit wider den Nierenstein/
und alle Gebrechen der Nieren und Blasen/ eröffnet die Verstopffung derselben/ treibet den Harn/ und führet auss den Stein/
sonderlich aber die Wurtzel gepülvert/ und eines Gülden schwer mit Wein getruncken.
Es mag auch das Kraut oder die Bletter darvon nützlich und heylsamlich zu den Wundträncken gebraucht werden.
Eusserlicher Gebrauch der Wiesenrauthen
Dieses Kraut ist fast dienlich unnd nütz zu den Lendenbädern/ den Lendenstein ausszutreiben/ vor sich selbst
oder mit andern Kreutern zun Bädern gebraucht.
Das Bauwersvolck heylet allein mit diesem Kraut/ gemeine Wunden/ die nicht Beynschrötig seynd/ ohn einige
weiter Hülff der Wundärtzt/ dann es sehr ein heylsam Wundkraut ist. Sie trucken den Safft auss/ legen den mit Fäselen von
Leininen Tuch in die Wunden/ und binden darnach das gestossen Kraut wie ein Pflaster darüber/ und das im Sommer. Im Winter aber
sieden sie dz Kraut mit Wein/ wäschen die Wunden darmit auss/ legen darnach Fäselein in der Brühen genetzt in die Wunden/ und
binden das gesotten Kraut darauff wie ein Pflaster. Ob nu gleichwol dieses ein geringe Artzeney scheynet zu seyn/ soll sie
gleichwol nicht verachtet werden/ sintemal sie ein gewisse Hülff ist. Auss diesen Kreutern kann man auch nützliche Wundöle/
Balsam unnd Wundpflaster bereiten/ darmit man viel mehr aussrichten kann/ dann mit der grünen und geelen Wagenschmier der
Scherer/ unnd der vermeynten Wundärtzet.
Die Wurtzel von diesen Kreutern in der Laugen gesotten/ unnd das Haupt darmit gezwagen/ tödtet die Läuss und
Nissen.
Wiesenrauthen gedistillirt Wasser