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SOPHIENKRAUT
VON DEN SOPHIENKRAUT ODER WELLSAMEN
Dess Sophien oder Wellsamenkrauts haben wir in Teutschlandt und sonderlich im Wormbser Gaw zey
underschiedlicher Geschlecht.
l. Das erste Geschlechte/ ist ein hübsch gewechs wie ein Bäumlein/ mit vielen neben ästlein daran
Aschenfarbe/ zinnlechte/ zerschnittene Bletter/ den Blettern dess Corianders nit ungleichen an Gestalt/ doch sind sie etwas
breyter unnd feysster/ die Stengel seynd gleich der Rauten anderthalber Elen lang/ im Hewmonat kommen an den Gipffeln herfür
seine bleichgele kleine Blümlein/ die underschiedlich im Herbst blühen/ die seynd klein dem Raucken oder wilden Senffblümlein
nicht ungleich: Darauss werden kleine lange Schötlein/ die seynd kleiner als die schötlein dess wildten Senffs/ darinnen ist der
kleine rhotgelblechter Samen verschlossen. Die Wurtzel ist weiss/ holtzechtig/ lang mit etlichen neben Würtzlein unnd Zaseln.
ll. Das ander Geschlecht ist dem jetztgemeldten mit den Stengeln/ Blumen/ Samen und Wurtzeln durchauss gleich/
allein die Blätlein seynd viel kleiner/ schmäler und tieffer zerkerfft oder zerschnitten. Seynd beyde Sommerkreuter/ können den
Frost dess Winters nicht dulden/ erjüngen sich selbst Jährlich widerumb von jhrem aussgefallenen Samen. Wachsen gemeiniglich und
den mehren Theil in flachen Feldern/ auff den Kirchhöfen/ neben der Strassen und hinder den Zäunen. Das erste Geschlecht aber
mit den breiten Blättern/ ist nicht so gemein wie das mit den kleinen unnd schmalen Blettern/ doch wirdt dessen mehr im Wormbser
und Alzeyheymer Gaw gefunden/ dann an andern Orten.
Von dem Namen dieser Kreuter
Es haben jhr etliche biss daher das Sophienkraut vor das wahre und rechte SERIPHIUM oder ABSINTHIUM MARINUM
gehalten/ sie haben aber weit gefehlet/ dann wir das recht ABSINTHIUM MARINUM angezeigt haben/ und hat sie das den mehren theil
betrogen/ dieweil der Sophiensamen auch die Würm toetet und ausstreibt: Wann aber ein jedes Kraut das dergleichen Wirckung hette
darumb ein SERIPHIUM seyn solte/ würden wir unzahlbare viel SERIPHIA haben. Dieses Kraut aber ist das recht THALICTRUM oder
THALIETRUM der Alten/ dann solches nicht allein mit der Beschreibung DIOSCORIDIS, was die Form und Gestalt belangt/ sondern auch
mit der Krafft unnd Tugendt ubereinstimmet. Es wirdt Lateinisch genant THALICTRUM und THALIETRUM, von den Kreutlern SOPHIA, und
von etlichen ERUCA GERATINA. Teutsch nennet mans Sophien oder Sofienkraut unnd Wellsamen/ sonderlich aber im Beyer und Hessenland.
Von der Krafft/ Eygenschafft und Wirckung dess Sophienkrauts
Beyde Sophienkräuter haben ein starcken unlieblichen Geruch/ am Geschmack unlustig und widerwillisch/ seynd
mittelmässiger wärmbde/ ein külenden/ trucknenden/ und zusammenziehenden Krafft. Seynd dienlich nicht allein in Leib zu
gebrauchen in Bauchflüssen/ sondern auch eusserlich zu frischen Wunden und allerley alten Schäden.
Jnnerlicher Gebrauch dess Sophienkrauts
Sophienkrautsamen in Speiss und Tranck gebraucht/ oder sonst in andere weg genützt oder eyngenommen/ stopffet
alle Bauchflüss/ sonderlich aber die Rote Rhur/ und heylet von wegen seiner schlüpfferigkeit die verwunden Därm/ unnd alle
andere jnnerliche verwundung.
Sophienkraut in Wein oder Wasser gesotten/ je nach Gelegenheit dess Menschen Complexion/ und getruncken/ treibt
auss die Spülwürm gleich dem Samen dess Wurmkrauts/ und heylet alle jnnerliche verwundung. Dessgleichen solchen Tranck Morgens
und Abends getruncken/ auff ein Pfeniting Gläslein voll/ ist ein guter Wundtranck/ zu newen und alten Wunden/ derowegen die nicht
ubel/ sondern recht und wol thun/ die dieses Kraut zu den Wundträncken gebrauchen/ dann es ein edel gut Wundkraut ist/ wiewol es
ein unachtsam Gewächs/ von wegen dass es so gar gemein/ und seine Krafft und Wirckung wenigen bekand ist.
Eusserlicher Gebrauch dess Sophienkrauts
Sophienkrautsamen gepülvert/ oder aber das Kraut gestossen unnd ubergelegt wie ein Pflaster/ heylet die
Beinbrüch an Menschen und Vieh: und ist aber ein solche Artzney desto besser/ so man dem Krancken alle Morgen und Abend dess
Pulvers von dem Samen i.quintlein zu trincken gibt. Dem Vieh aber soll man i.Loth dess Pulvers mit dem Wasser darinn das
Sophienkraut gesotten worden ist/ täglich dess Morgens und Abend einschütten.
Den Safft dess Sophienkrauts in die faulen Wunden und Schäden gethan/ vertreibt die Würm darauss/ beyde dem
Menschen und dem Vieh: So man aber den Safft nit haben kan/ soll man das Kraut in Wein sieden/ unnd die Wunden damit wäschen und
reinigen/ das tödet nicht allein die Würm darin/ sondern es heylet auch gewaltig.
Dz gemelte Kraut auff alle manier gebraucht/ wie ein Pflaster oder sonst in andere weg/ heylet nicht allein
alte Schäden und Geschwer/ sondern ist auch ein heylsam Artzeney zu den Fisteln und dem Krebs.
Ein heylsam Wundöl mach also: Nimm die Bletter und Gipffel dess Sophienkrauts/ die gar frisch seynd ein
Pfundt/ stoss klein in ein Mörser/ thu es in ein Küpfferen Pfann/ schütt darüber ein Pfundt Baumöle/ lass sittiglich mit
einander sieden biss der Safft vom Kraut sich verzehrt/ darnach press es hart auss/ und thu darzu ein vierling Terpentin/ und lass
zehen oder zwölff Tag in einem Küpfferen Geschirr stehen/ so wird es schön grün/ das heb auff/ so hast du ein köstlich Oele
oder Wundbalsam/ zu allen alten auch newen Wunden unnd Schäden.
Ein heysam Pflaster zu den Schäden die von Sanct Antonii Fewer oder Rotlauffen kommen/ mach also: Nimb
Sophienkraut ll.handvoll/ der mittelen Rinden von Birckbaum iii.Loth/ Terpentin auss einem frischen Wasser wol gewäschen vier
Loth/ vier frischer Eyerdotter: diese Stück temperir alle durcheinander/ dass es werde wie ein Pflaster/ und legs uber den
Schaden.
Ein gut heylsam Pulver/ vör die Wunden so von wilden oder Zahmen Schweinen gehauwen worden seynd/ wann der
Brand zuvor gelescht ist: Nimb Sophienkraut iiii.Loth/ gefeyelt Sawzähn iii.Loth/ roter Corallen i.Loth/ mach diese Stück zu
einem kleinen Pulver/ und zedels in die Wunde biss dass sie heyl wird.
Vor den Krebs ein köstlich Pulver/ mach also: Nimb Sophienkraut vier Loth/ Braunwurtz dritthalb Loth/
Sanickelwurtz zwey Loth/ der Rinden von der Wurtzel dess Quittenbaums anderhalb Loth/ cardobenedictenkraut ein Loth/ stoss diese
Stück zu einem reinen Pulver/ und zedel es in den Schaden/ doch dass der Schaden zuvor allwegen wol mit Braunwurtzwasser
gewäschen und geseubert worden seye. Darneben gib auch dem Krancken in allen seynen Speisen/ von nachvolgendem Pulver zu essen:
Nimb Sophienkraut vier Loth/ dess roten Gauchheyls/ Braunwurtz/ gedörrt Kütten/ jedes ii.Loth/ stoss solches zu Pulver/ und
brauchs in aller Speiss biss es heyl wird.
Sophienkraut Pulver heylet die Löcher der schinbein/ die von den hitzigen Blattern herkommen/ darein gezedelt.
Von Sophienkrautwasser und seinem jnnerlichen und eusserlichen Gebrauch
Das gedistillirte Wasser vom Sophienkraut/ dienet jnnerlich unnd eusserlich gebraucht zu allen jnnerlichen Versehrungen und Wunden/ vier oder fünff Loth getruncken/ und eusserlich damit gewäschen/ dann es reinigt dieselben/ wie auch die alten Schäden und Geschwer.