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SANICKEL
VON DEM SANICKEL.
Der Sanickel hat ein schwartze zaserechtige Wurtzel der Christwurtz fast ähnlich/ die ist inwendig weiß/ eines herben und bitteren Geschmacks. Die Bletter seyndt rund wie die Bletter deß Taubenfuß/ in fünff underscheidt zerschnitten wie das Fünffingerkraut/ von Farben lichtgrün und glat/ die seind neben herumb auch weiter ein jedes in zwey theyl zerschnitten unnd gerings herumb zerkerfft: ein jedes Blat hat seinen besondern Stengel von Farben rotbraun/ welcher Stengel unnd Bletter viel von seiner Wurtzeln herfür wachsen. Mitten auß dem Stöcklin dringet ein dünner/ glatter/ bintzechtiger Stengel ohn alle Gewerb oder Gleychlein/ auff die anderthalb Spannenhoch herfür/ das spreytet sich oben außin viel kleine/ darauff im Brachmonat sich erzeigen viel schöner/ kleiner/ drauschlechtiger weisser Blümlein/ gleich wie kleine Krönlein/ auß welchen hernachmals ein Samen folget wie kleine Klettlein der sich an die Kleyder henckt/ wie der Samen deß Kleberkrauts oder Adermenig/ die geben widerumb junge Stöcklein. Dieser Sanickel/ wiewol er uber Winter/ under allem Schnee und Eiß/ schön/ grün und unversehrt bleibt/ verwelcken doch die Bletter gegen dem frühling/ und verdörren/ erjungen sie sich doch Jährlichs im anfang deß Aprillen wider mit newen Blettern. Dieses Kraut wächßt nicht allein in dem hohen Gebirg/ sondern auch in den feuchten Dälern und dunckeln Wälden/ ist in Teutschlandt sehr gemein unnd wird uberflüssig darinn gefunden. An den Orten aber die den Bergen und Wälden entlegen seindtwirdt es von wegen seiner vielfaltigen nutzbarkeit in den Gärten gezielet. Es erfordert der Sanickel ein feyßt schwartz Erdtreich/ und dunckele Ort/ da die Sonn nicht hinkommen mag. Dieses Kraut wirdt im Brachmonat mit seinen Blumen zu mancherley nothurfft eyngesamblet/ und im Schatten getrucknet.
Von dem Namen deß Sanickels.
Wie der Sanickel von den alten Griechischen oder Lateinischen Aertzten vor langen Jahren genennet
worden seye/ wiewol sich die Gelehrten zu unserer Zeit/ treffenlich sehr damit bemühet haben/ etliche dem Fünffingerkraut haben
wöllen zugesellen/ sintemal die Bletter in fünff theil zerspalten seindt. Die andern gaben für daß es PEPLIS DIOSCORIDIS were/
die habens aber sehr ubel troffen. Die dritten haben das SCYMPHYTUM PETRAEUM darauß wöllen machen/ daß die Steingunsel
DIOSCORIDIS, die jhren Namen daher entpfangen hat daß sie gemeiniglich in den Felsen und steinechtigen Orten wächst/ in denen
doch der Sanickel nimmer gefunden/ und so er an dergleichen Orth gepflantzet wirdt/ verdirbet unnd verdorret er/ welches gewisse
anzeigungen seindt/ daß dieses Gewächß nicht SCYMPHYTUM PETRAEUM ist/ ob es schon mit der Krafft/ Wirckung und Tugend die sie
etlicher massen mit der Steinguntzel gemein hat/ verglichen werden mag. Weil dann ungewiß ist ob die alten Aertzt dieses Kraut
beschrieben/ oder jhnen bekannt gewesen seye/ wöllen wir uns mit den gemeinen Nahmen die jhme von den Kreutlern unnd Simplicisten
gegeben worden seind/ biß wir eines bessern auß den Schriften der Alten berichtet werden/ zufrieden seyn und uns genügen
lassen/ dass wir die Krafft und Tugendt dieses Krauts wissen/ und durch täglichen gebrauch erfahren haben.
Die Kreutler nennen den Sanickel/ SANICULAM und SANARIAM, A SANADO, das ist/ vom heylen/ dieweil es fast alle
Wundkreuter mit seiner heylsamen Krafft und Wirckung ubertrifft. Sonst wiord er von andern genannt SANNICULA, SENNICULA,
DIAPENSIA, SANICULA QUINQUEFOLIA und FERRATIA MINOR. Hochteutsch/ Sanickel unnd Sennickel: welche Namen es in allen Sprachen von
seiner heylsamen Krafft und Tugendt empfangen hat.
Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft deß Sanickels.
Der herb zusammenziehendt unnd bitter Geschmack deß Sanickels/ gibt ein genugsame anzeigung/ daß es
warmer unnd truckner Natur seye/ derowegen es heylsamlich beyde jnnerlich und eusserlich die Wunden zu heylen gebrauchet wirdt.
Jnnerlicher Gebrauch deß Sanickels.
Sanickelkraut und Wurtzel in Meth oder Honigwasser gesotten und getruncken/ heylet die versehrte Brust
und Lungenrhörlein/ unnd heylet alles was innerlich im Leib verwundt ist.
Eusserlicher gebrauch deß Sanickels.
Sanickel mit Kraut unnd Wurtzeln in Wasser oder Wein gesotten/ durchgesiegen und den Mund und Halß
darmit gewäschen unnd gegurgelt/ heylet die Löcher und Geschwer im Mund und Halß/ sonderlich aber die Mundfeule. Der
außgedruckt Safft hat gleiche Wirckung den Mund offtermals damit gewäschen.
Sanickelwasser.
Die beste Zeit den Sanickel zu distilliern/ ist im Brachmonat wann es zeitig ist unnd seine Blumen bringet/ das Kraut mit der Wurtzel unnd allem gehackt/ darnach senfftiglich in BALNEO MARIAE abgezogen/ darnach in der Sonnen rectificirt.
Jnnerlicher Gebrauch deß Sanickelwassers.
Sanickelwasser deß Morgens und Abendts jedesmal vier oder fünff loth getruncken/ ist ein heylsame
Artzeney zu den innerlichen Brüchen unnd versehrungen. Und so einer verwundet worden were/ und das Wasser trunck/ würd es
imgrosse fürderung zur heylung thun/ dann es hilfft daß die Wund innwendig von Grund herauß heylet. Darzu hilffet es auch wann
der verwundt seinen Wein mit diesem Wasser vermischet.
Eußerlicher Gebrauch deß Sanickelwassers.
Sanickelwasser heylet die Wundtfeul/ und dier Löcher unnd Geschwer deß Halß/ den Mundt zum offtermal
darmit gespület und außgewäschen/ auch den Halß wol darmit gegurgelt.
Sanickelwein.
Auß dem gedörrten Kraut deß Sanickels/ bereyten etliche erfahrne Wundärtzet zu Herbstzeiten einen Wein:
Nemmen dz Kraut und Wurtzel mit einander/ schlagens mit Hanbuchen Spähnen in ein Fässlein/ füllen darnach ein Most daruber/
unnd lassen den darüber verjähren/ den brauchen sie uber Jahr/ und geben dem Verwunden Morgens und Abendts zu den beyden Jmbsen/
jedesmal im anfang deß Essens einen gemeinen Tischbecher voll darvon zu trincken/ oder lassen den verwundten seinen Trinckwein
damit vermischen/ welches sehr viel die heylung der Wunden fürdert.