1 / 401-403
MÄDESÜSS - SPIER
Filipendula - Rosaceae
VON DEM ROTEN STEINBRECH UND SEINEN GESCHLECHTEN
Der rohte Steinbrech hat viel runder/ langlechtiger Wurtzeln/ deren hangen je vier oder fünff an einem
dünnen Würtzlein/ deren dieses Gewächs viel hat/ gleich als wann sie an dünnen Fädemen hiengen/ die sind der Gestalt halben
den kleinen unzeitigen Oliven zu vergleichen/ auswendig rohtfärbig/ und innwendig weiß/ eines bitteren Geschmacks. Die Blätter
sind dem Gänserichkraut der Gestalt halben etwas ähnlich/ sind aber tieffer und mehr zerkerfft/ der Stengel wird fast anderthalb
Ellen hoch. Oben an den Stengeln hat es viel Nebenzweiglein/ darauff wachsen schöne/ wolriechende/ weisse Blümlein in dem
Brachmonat/ welche so sie abfallen und vergehen/ folgt ein schuppechtiger Saamen/ dem Saamen der Pimpernellen ähnlich. Dieses
Kraut wächst in bergechtigen Wiesen/ in feuchten und steinechtigen Gründen/ um das Berghauß Kestenburg/ um die Neuenstadt/
deßgleichen um Benßheim/ Heppenheim/ an der Bergstrassen und anderen vielen Orten/ in beyden Gebirgen des gantzen Rheinstroms.
II. Deren findet man ohne das jetzt beschriebene noch vier Geschlecht/ deren das erste/ welches der Ordnung
nach das zweyte ist/ so viel die Wurtzel belangen thut/ dem jetztgemeldten gleich ist/ allein daß sie etwas breiter und quecker
sind. Der Stengel wird fast anderthalben Ellen hoch/ die Blätter sind kleiner und schmäler/ den Blättern der wilden Pastenachen
ähnlicher. Am Gipffel des Stengels und Nebenästlein/ gewinnet es viel kleiner weisser Blümlein auf Crönlein oder
Schatthütlein/ wie die Blumen des Aniß oder Corianders anzusehen. Es wächst an graßechtigen Gründen und in den Graßgärten/
ist doch nicht so sehr gemein als das erste.
III. Das dritte Geschlecht hat Wurtzeln den obgemeldten gleich/ allein daß sie etwas gröser und länger sind.
Die Stengel sind dem zweyten ähnlich/ die Blätter vergleichen sich dem Macedonischen Peterlein/ sind aber viel kleiner/ die
Blumen wachsen auff Crönlein wie die Blumen des vorigen/ es wird bey uns in Gärten gezielet wie ein ander fremd Gewächs.
IV. Das vierdte Geschlecht hat lange Wurtzeln/ die sind oben her dick und bäuchechtig/ unten her spitz und
lang wie kleine spitzige Rüblein/ der Stengel ist krumm oder in etliche Krümme gebogen/ die Blättlein sind klein in zwey oder
drey Kerfflein zerschnitten/ die Blumen bringet es auf Schatthütlein oder Crönlein wie die vorigen/ wächst gern in feuchten
Gründen.
V. Das fünffte Geschlecht der Filipendelwurtz/ hat eine Wurtzel wie die kleinen Beningenwurtzel/ oder den
Wurtzeln der Affodill ähnlich. Der Stiel wird anderthalber Spannen lang/ zimlich dick mit Kolkelen gekähnelt/ die Blätter
vergleichen sich etlicher massen dem rothen Steinbrech/ oder dem ersten Geschlecht der Filipendwurtz ähnlich/ ausgenommen/ daß
sie schmäler sind/ und wie die Blätter des Krähenfuß oder der Hirtzhorn klein gekerfft. Am Gipffel des Stengels gewinnet es
ein schönen Aeher/ von vielen weissen Blumen/ die sich der Gestalt und Form halben den Blumen des Eisenhütleins vergleichen. Es
wird auch dieses Gewächs in unsern Landen nicht selbst wachsend gefunden/ aber in der Provintz Franckreich und in Languedock
wächst es von sich selbst/ bey uns zielet man es in den Gärten.
Von den Namen der rothen Steinbrech oder Filipendelwurtz.
GALENUS hat dieses Gewächs gar nicht beschrieben/ aber DIOSCORIDES beschreibet es LIB. 3. C. 122.
Lateinisch/ OENANTHE, LEUCANTHEMUM, CERASCOMIUM. Von
THEODORO GAZA, VITIFLORA; von den Kräutlern und Practicanten/ FILIPENDULA, PHILIPENDULA, SAXIFRAGA RUBRA, und VINIFLORA.
Hochteutsch/ Filipendelwurtz/ und
rohter Steinbrech. ARNOLDUS VILLANOVANUS hat ein Geschlecht ANTHORAE oder Heilgifft daraus gemacht/ dieweil die Wurtzeln dieses
Krauts etlicher massen den Wurtzeln des Heilgifts ähnlich sind.
Die andern vier Geschlecht haben eine grosse Gleichheit mit dem OENANTHE DIOSCORIDIS, nicht allein der Gestalt halben/ sondern
auch von wegen ihrer Krafft und Tugend halben/ die sie mit dem ersten Geschlecht der Filipendelwurtz gemein haben/ sonderlich aber
das zweyte und dritte Geschlecht/ derowegen sie von dem OENANTHE keines wegs sollen abgesönderet werden.
II. Das zweyte Geschlecht/ wird von den [Englischen/ Norrom leafed Dropwoort.] Kräutlern/ FILIPENDULA
TENUIFOLIA genannt/ und FILIPENDULA ALTERA.
III. Das dritte FILIPENDULA TERTIA, und OENANTHE SELINOPHYLLOS.
IV. Das vierdte Geschlecht/ FILIPENDULA SUPINA.
V. Das fünffte Geschlecht/ [Englisch/ Montaine Dropwoort.
Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der Filipendelwurtzel.
Die drey ersten Geschlecht der Filipendelwurtz/ sind warmer und truckener Natur/ eröffnen und abstergieren mit
einer ziemlichen Astriction/ sonderlich aber die Wurtzeln. Die zwey letzten Geschlecht/ als das vierdte und fünffte der Ordnung
nach/ müssen wir noch ein weil auf ein seite setzen/ dann deren Tugend und Krafft uns noch nicht eigentlich bekannt sind.
Innerlicher Gebrauch der Filipendelwurtzel.
Roth Steinbrech zu einem reinen Pulver gestossen/ darnach mit drey Theilen verschaumten honig zu einer
Lattwergen temperiert/ und des Morgens und Abends/ jedesmal einer gemeinen Castanien groß davon genommen/ sittiglich im Mund
zergehen lassen/ und allgemählich mit dem Speichel hinab geschlucket/ vertreibt den Husten/ und raumet die Brust und Lunge.
Die gemeldte Wurtzel gepülvert und in allen Speisen genützet/ ist eine sonderliche erfahrne Artzeney wider
die Fallendesucht. Wann man eine Decoction daraus bereitet/ allerdings wie man die Wurtzel CHINAM zu bereiten pflegt/ und viertzig
Tage lang alle Morgen und Abend 4. oder 5. Untzen darvon warm trincket/ und nach der Kräfften Vermögen darauff schwitzet/ das
vertreibet die fallendesucht vom Grunde heraus/ wann sie nicht zu tieff eingewurtzelt ist. Darneben muß man auch von der
gemeldten Wurtzel in Speißwasser sieden/ dasselbige zur Speiß und den Durst zu löschen trincken/ und sonst die gantze Zeit der
Chur kein anderen Tranck versuchen/ ein gute DIAETAM und zimliche ABSTINENTIAM halten/ doch zuvor mit gebührenden Artzeneyen alle
Uberflüssigkeit ordentlich außführen/ allerdings wie man die Chur von der Wurtzel CHINA, oder SALSA PARILLA zu gebrauchen
pfleget.
Es dienet auch gemelte Chur von dieser Wurtzel vor die Haubtflüß/ die Gliedsucht und das Zipperlein/
deßgleichen wider die abscheuliche Kranckheit der Frantzosen oder Spannischen Grinds/ welche sie vom Grund heraus heilet/
deßgleichen den Krebs und Fistel/ obgemeldter massen gebrauchet/ oder aber das Pulver in allen Speisen gebrauchet.
Filipendelwurtzel in Wein gesotten/ und die durchgesigene Brühe des Tages dreymal/ jedesmal auff 1.
Mackelbecherlein voll warm getruncken/ bringet wieder den verstandenen Harn/ und reiniget die Nieren/ Harngäng und Blasen/ von
Schleim und allem Unraht/ vertreibt auch den Schmertzen der Nieren/ stärcket und erwärmet dieselben/ deßgleichen auch die
Blasen/ das thut auch das Pulver mit Wein getruncken. Diese Artzney führet auch den Lenden- und Nierenstein gewaltig auß.
Filipendelwurtzel zu Pulver gestossen/ und 1. Quintleins schwär mit einem Trüncklein weissen Weins zertrieben
und warm getruncken/ ist eine gewisse Hülff wider die Kaltseich/ und hilfft bald. Solche Artzney dienet auch wider den Husten:
vertreibet das Grimmen und Reissen in den Därmen. Wann man auch gepülverten Fenchelsaamen damit vermischet/ so vertreibt sie
auch und zertheilet die Winde im Leib.
Die Saamen/ Blätter und Stengel der Filipendelwurtz/ in Honigwasser oder Meth getruncken/ treiben das
Bürdlein oder die ander Geburt.
Filipendelwurtzel allein vor sich selbst in der Speiß genützt/ oder mit Wein getruncken/ dienet wider alles
eingenommen Gifft/ und wider die Pestilentz.
Eusserlicher Gebrauch der Filipendelwurtz.
Filipendelwurtzkraut frisch im Munde gekäuet/ heilet die Geschwär der Augen/ die sich zur Fistel schicken
wollen/ übergelegt wie ein Pflästerlein.
Wider den Schmertzen der Feigblattern oder Güldenader: Nimm ein feißten Aal/ haue ihm den Kopff und Schwantz
ab/ zu schneide den stücken/ seude den wol in Wasser/ und samle das schmaltz oder Fettigkeit davon/ und thue dann rein gepülvert
Filipendelwurtz darzu/ temperiers zu einem Sälblein/ und salbe die Güldenader damit/ es stillet den Schmertzen wunderbarlich.
Ein köstliche Salbe/ die zertheilet die Geschwulst der Feigblattern oder Güldenader/ leget den Schmertzen/
und vertreibet die Knollen im Hinderen: Nimm Filipendelkraut und Wurtzelsafft/ 4. Untzen/ Lauchblättersaft/ 1. Loth/ Rosenöl/ 3.
Untzen/ frische ungesaltzene Butter/ 1. Untz. Seude diese stück über einem linden Feurlein allgemählich/ biß sich die Säffte
verzehret haben/ daranch seihe es durch ein reines leinen Tüchlein/ darnach rühr folgende stück zu einem sehr reinen Pulver/
wie ein Sonnenstaub gestossen und gerieben darein/ bereitete Armenisch BOLUS, Drachenblut/ Mastix/ GUMMI ARABICUM, jedes 3.
Quintl. Myrrhen/ rohte Rosen/ Granatenblüht/ jedes ein halb Loth. Diese Dinge vermisch wol durcheinander/ so hast du ein über
die massen köstlich bewährte Salb zu den obemeldten Gebrechen.