1 / 415-416
(ECHTES) LABKRAUT
Galium - Rubiaceae
VON DEM MEGERKRAUT UND SEINEN GESCHLECHTEN
Der Megerkräuter haben wir vier Geschlecht/ nemlich zwey mit geelen Blumen/ und zwey mit weissen Blumen.
I. Das erste und ware GALLIUM, oder GALLIUM DIOSCORIDIS, hat eine harte/ zasechtige Wurtzel/ die fladert und kreucht im Grunde wie
die Quecken/ daraus wachsen runde/ dünne und bintzechtige zarte Stengel/ die sind mit schmalen/ spitzigen/ schwartzgrünen/
gestirnten Blättlein zu rings umher besetzt/ von unten an biß oben auß/ je ein gestirntes Gesätzlein der Blätter Gleichslang
über dem andern/ wie die Blätter am Klebkraut/ außgenommen/ daß sie viel kleiner und schmäler sind/ gegen dem Mäyen bringt
es viel schöner geeler Blümlein/ die wachsen drauschelechtig und gedrungen in einander/ die eines vast lieblichen und guten
Geruchs/ so dieselben abfallen und vergehen/ folget ein kleiner schwartzer Saamen/ je zwey Sämlein bey einander gesetzt/ die sind
nicht grösser dann die Magsaamenkörnlein. Dieses Kraut wird allenthalben gefunden auff dürren Matten/ an den Rechen der Ecker
und Weinberg/ neben den Strassen und Wegen/ deßgleichen in den dürren graßechtigen Baumgärten.
II. Das zweyte Geschlecht/ hat auch eine fladernde und kriechende Wurtzel wie die Quecken/ die stengel sind
viereckechtig/ mit Gleichlein oder Gewerblein vier Ellen hoch/ die gestirnte Blätter sind den Blättern des vorigen gleich/
außgenommen/ daß sie grösser und breiter sind/ die stehen um die Gewerblein rings umher/ zwischen den Blättern und Gleichen
kommen herfür gar kleine/ bleichgeele/ drauschelechtige Blümlein/ doch nicht so häuffig/ auch nicht so wolriechend wie die
Blümlein des ersten Geschlechts. Es blühet im mäyen/ und wächst gerne an feuchten Orten/ als auf den Gräbern der Matten/ und
an den Rechen neben den Bächen.
III. Das dritte Geschlecht hat ein kleines/ kreichendes und hin und her fladerndes/ dünnes Würtzlein/ mit
vielen Zasern. Die Stengelein sind rund/ dünn/ und nicht so gerad wie die andern/ vast eines Schuhs hoch/ die Blättlein sind dem
ersten Geschlecht ähnlich/ sind aber länger und nicht so spitzig/ wachsen auch Gleichs hoch über einander/ doch werden selten
über vier Blättlein vey einander gefunden/ die Blümlein sind klein und weiß/ und nicht so gedrungen wie die Blümlein des
ersten GEschlechts/ es wächst in sandechtigen feuchten Gründen und in den Hecken.
IV. Das vierte Geschlecht hat ein kleines/ dünnes/ hartes Würtzlein/ mit etlichen noch kleinern
Nebenwürtzlein/ die stengel sind dünn/ rund und gleichechtig/ mit etlichen Nebenzweiglein/ werden kümmerlich einer Spannen
hoch/ auß den Gleichen wachsen nur drey/ auch etwan nur zwey spitziger Blättlein herfür/ von unten an biß oben auß/ am
Gipffel gewinnet es kleine weisse/ vierblättige Blümlein/ die haben sehr ein schlechten Geruch. Es wächst an sandechtigen
Rechen und Gründen/ unter dem Graß.
Von den Namen der Megerkräuter.
Das erste und recht wolriechend Megerkraut/ ist das wahre GALLIUM DIOSCORIDIS, sintemal is nicht allein mit
seiner Beschreibung durchaus zustimmet/ sondern auch mit seiner Krafft und Würckung/ also daß man daran nicht zweiffeln darff.
Von DIOSCORIDE und GALENO wird es Griechisch/ (???) genannt/ darum daß es die
Milch macht gerinnen/ daß dieselbige zu Käß wird. Lateinisch heiset es/ GALLIUM, GALIUM, GALATIUM und GALERIUM. Den
Apotheckeren ist es nicht sehr bekandt/ sintemal es nicht im Gebrauch/ und von den MEDICIS in die Recept selten geschrieben wird/
und denen es bekandt ist/ wird es mit dem Namen GALLIA MUSCHATA getauffet/ um seines guten und lieblichen Geruchs willen/ wiewol
GALLIA MUSCHATA sonsten ein ander Ding ist/ ein GENUS der Kügelein (TROCHISCORUM) in allen Apothecken gemein und wol bekandt. Hochteutsch/ Megerkraut/ Walstrow/ und unser Frauen Bettstrowe/ unser Frauen Wegstrow und Liebkraut. Die
Sachsen und Meißner nennen es/ Labkraut und Raynritzen.
Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der Megerkräuter.
Das Megerkraut und seine Geschlechter sind warmer und truckener Natur/ doch ist das erste Geschlecht
vor den andern allen zu erwehlen zum Gebrauch der Artzney/ sonderlich aber zu dem Methridat/ darzu dann die lieblichen und
wolriechende Blümlein allein gebrauchet/ und im Ende des Mäyen sollen eingesammlet werden.
Innerlicher Gebrauch des Megerkrauts.
Megerkrautwurtzeln in süssem Wein gesotten/ und die abgesigene Brühe getruncken/ sollen die Begierd zur
Unkeuschheit erwecken.
Eusserlicher Gebrauch des Megerkrauts.
Es schreibet DIOSCORIDES, wann das Megerkraut in die Milch gelegt werde/ gerinne dieselbige und lauffe
zusammen/ solche Kunst ist unsern Haußmüttern/ sonderlich aber den Schaaffhirten wohl bewußt/ bey denen sie in täglichem
Gebrauch ist.
Megerkraut oder Walstrau gestossen und in die Nasen gestossen/ stopffet das Blut derselben. Es verstellet auch
andere des Leibs Blutflüß.
Das Megerkraut mit den geelen Blumen gestossen/ löschet den Brand und was vom Feur versehret ist/ wie ein Pflaster übergelegt.
Gleicher Gestalt dienet es wider die Krebs der Brüst/ und heilet dieselben/ deßgleichen auch die so sich in andern Orten des
Leibs erzeigen. In Summa/ es dienet dieses Kraut wider alle hitzige und gallflüssige Schäden/ es seye der Krebs/ oder wie sie
sonst Namen haben mögen/ vor sich selbst allein/ oder in Pflastern/ Salben/ Pulvern/ oder in andere Weg wie die Namen haben
mögen/ gebrauchet.
Megerkraut in fliessendem Wasser gesotten/ und die jungen Kinder die mit dem dürren rüffechtigen Grind
geplaget werden/ welchen man die Megerey nennet/ gebadet/ heilet denselbigen/ und ist ein besonderes Experiment/ derhalben auch
dieses Kraut den Namen Megerkraut empfangen hat.
Ein Fußbad von diesem Kraut gemacht/ zeucht auß alle Müdigkeit der Glieder/ so man die Füß darinnen badet.
Etliche machen ein Pflaster darauß/ nehmen darzu das weiß Sälblein/ UNGUENTUM INFRIGIDANS GALENI genandt/ vermischen das
Megerkraut rein gepülvert damit/ streichens auff ein Tuch/ und legens über die vermüdeten Glieder.