3 / 65-66
KASTANIE
VON CASTANIENBAUM
Der Castanienbäum werden uns zwey Geschlecht fürgestelt/ (l.) das erste beschreibet DODONAEUS, dass es gar
ein hocher Baum sey/ welcher sich mit viel Aesten weid aussbreyte/ hab ein dicken Stamm/ welcher auff ein Zeit so dick sey gesehen
worden/ dass jhn kaum drey Mann haben mit jren Armen umbgreiffen können/ das Holtz ist hart/ fest unnd werhafftig/ seyne Blätter
seyn lang/ rauw und runtzlecht/ oder gekrümpfft/ rings umbher zerkerfft/ uber kompt dünne/ langlecht und grüne Putzen/
MATTHIOÖUS schreibt/ die Frucht sey auff einer Seiten glatt und flach/ auff der andern aber rund und erhöhet/ lige in drey
Hülsen/ die erste sey dünn/ herb und bitter: Die ander zähe und braun: Die dritte und eusserste gantz rauw und stachlecht wie
ein Jgelhaut/ der innwendigste Kern hart und weiss. Gegen dem Herbst so reissen die eusserste rauwe Jgelköpff von einander/ und
fallen die braune zeitige Castanien herauss. Sie werden auch wie die Nüss geschwungen.
(In Welschlandt sind der Kestenbäume zwey Geschlecht/ nemlich der zame und wilde. Die zamen sind widerumb
zweyerley: der eine bringt grosse Frucht/ so man auch auss Franckreich bringt: der ander kleine. Die zamen so sie ein wenig
gelegen/ lassen sie sich abschelen: aber die wilden lassen sich nicht schelen/ sie seyen dann zuvor gesotten. Jn dem Elsass find
man eygene Castanien Wälde/ und werden die Castaniennüss mit grossen hauffen auss dem Elsass in Niderland und Thüringen
gebracht.)
ll. Das ander Geschlecht die Rosscastanien beschreibet DODONAEUS, dass es auch ein hoher/ grosser langer Baum
sey/ welches Blätter fünff/ oder wie MATTHIOLUS schreibet/ sechs Spalten habe/ bey nahe wie am Wunderbaum/ die Castanien seyn
auch grösser und runder dann die gemeine/ in scharpffen stachlechten Hülsen verwahret. Werden Rosscastanien genennt/ dieweil sie
den keichenden Rossen behülfflich seyn. Am Geschmack wol süss/ aber nicht so lieblich als die Gemeine.
Von den Namen
Die Castanien werden Lateinisch genennet CASTANEA, GLANS IOVIS, und GLANS SARDIANA. Teutsch Kesten.
Von der Natur/ Krafft/ und Eygenschafft der Castanien
Die Castanien seyn einer mittelmässigen Natur/ sonter kalt und warm/ trucknen unnd ziehen zusammen/ machen
viel Winde.
Jnnerlicher Gebrauch
Auff dem Gebürg da es am Getrayd mangelt/ nehren sich die Einwohner mit dieser Frucht/ so sie braten und
essen: machen auch Mehl und Brod darauss.)
GALENUS schreibt/ dass unter allen Eycheln die Castanien den Vorzug haben/ unnd geben allein auss allen wilden
früchten dem Leib ein Narung: Aber sie seyn gar schwerlich und ubel zu verdauen/ gehen langsam durch/ machen ein grobes Geblüt/
geben viel Winde/ und stopffen den Leib/ sonderlich aber die rohe: machen auch Hauptwehe.
Wenn man aber die Castanien bratet/ seyn sie verdauwlicher/ und machen nit so viel Winde/ jedoch stopffen sie
etwas.
Die jnnerste Häutlein uber den Castanien Wasser oder Wegrichwasser gesotten/ und darvon getruncken/ stopffen
allerley Bauchflüss/ wie auch die rote Ruhr/ und die unmässige Mutterflüss.
Auff gleiche weiss gebraucht seyn sie gut denen/ so Blut aussspeyen.
(So man die gebraten Castanien mit Pfeffer unnd Saltz bestreuwet und isset/ machen sie geyl und unkeusch.
Gebraten/ mit Honig oder Zucker nüchtern eingenommen sind wider den Husten.
Castanien gedörrt und gepulvert/ mit Krebssaugen und Eppichwasser eingenommen/ machen wol harnen.
Der Safft auss den Castanien mit Süssholtzwasser gezogen/ und ein wenig weissen Magsamen gethan/ ist gut wider
das brennende harnen.
Eusserlicher Gebrauch
Gebraten Castanien mit Gerstenmeel und Essig ubergelegt/ erweichen die harte Brüst.
Mit Honig und Saltz zerstossen und ubergelegt sind nützlich denen/ so von rasenden Hunden gebissen sind.)