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HEILWURZ
?Seseli?
VON DER HIRTZWURTZ UND DEREN GESCHLECHTEN.
Die
weisse Hirtzwurtz hat ein lange/ dicke unnd weisse Wurtzel/ ob schon gleichwol
die eusserste Schäle darvon grauwlechtig ist. Die hat am oberntheil uber der
Erden einen rauhen Krantz mit braunlechtigem Haar wie die Beerwurtz/ die hat ein
hartzechtigen lieblichen Geruch wie Specerey unnd Weyrauch/ ist am Geschmack
zanger/ scharpff und räß.
Die Bletter sind grösser und breyter dann die Bletter deß
Wassereppichs/ deren es auch weniger hat/ die sind gerings herumb ein wenig
zerkerfft. Der Stengel wird auff anderthalb Elen lang/ ist mit Gewerben unnd
Gleychen underscheiden/ wie der Stengel deß
Fenchels oder Ferulkrauts/ der hat seine Nebenästlein/ darauff wachsen Kronen
oder Schatthütlein mit weissen Blumen/ wann die abfallen unnd vergehen/ wächst
hernach ein dünner/ leichter/ breyter unnd langechtiger Samen/ dem Samen der
Engelwurtz fast ähnlich/ der hat ein lieblichen Würtzgeruch/ und ist am
Geschmack hitzig und räse. Dieses Gewächs wird uberflüssig in Teutschlandt
gefunden/ sonderlich aber wächst dessen viel im Schwartzwald in steinechtigem
rauhem Erdtreich und auff den Wiesen die im Gebirg liegen/ in vielen Orten
Teutschlands.
ll. Das zweyt unnd grösser Geschlecht ist mit der Wurtzel/ Stengel/
Blumen und Samen/ dem jetztgemelten gleich/ außgenommen
daß
die Bletter dicker/ breyter unnd grösser seyndt unnd glantzend/ unnd daß
der Samen ein wenig gekämpt ist. Sonst wirdt auch dieses Gewächs an aller seiner
Substantz grösser dann das vorig/ aber so viel den Geruch und Geschmack belangen
thut/ so ist er dem vorigen durchauß
gleich/ wolriechend/ scharpff und räse.
lll. Das dritt Geschlecht schwartz Hirtzwurtz genannt/ hat ein
lange/ schwartze und dicke Wurtzel/ die hat ein rauhen haarechtigen Krantz uber
der Erden/ gleich wie die weiß
Hirtzwurtz/ die Bletter seynd kleiner/ dann die Bletter deß
erstens/ dem Wassereppich ähnlich/ und ein wenig grösser als der Peterlen/ der
Stengel wird Elen lang unnd auch etwan grösser oder lenger/ ist mit Gewerben
underscheiden/ wie der Stengel der weissen Hirtzwurtz/ der hat auch seine
Nebenzweiglein/ auff welchen Cronen oder Schatthütlein wachsen/ den Cronen deß
wilden Pastenachs ähnlich darauff wachsen weisse Blümlein/ und ein Samen dem
Dillsamen gleich/ ist aber etas vollkommenlicher/ der ist wie die Wurtzel/
wolriechend wie Weyrauch unnd hannig/ unnd scharpff am Geschmack. Dieses Kraut
wächst inn dem hohen Gebirg auff dem Schwartzwaldt/ deßgleichen
in dem Elsassischen unnd Vehlsch Gebirg/ unnd andern vielen Orten Teutschlandts.
lV. Das vierdte Geschlecht der Weyrauchwurtz/ welches das zweyte
unnd unfruchtbar Geschlecht THEOPHRASTI ist/ schreibet THEOPHRASTUS LIBRO
9.CAP.12. daß
es dem bitteren wilden Lattich ähnlich seye/ außgenommen
daß
die Bletter rauher anzugreiffen/ unnd weisser seind mit einer kurtzen wurtzeln/
und daß
dasselbe Kraut eyngenommen oder getruncken/ ubersich und undersich purgier/ und
daß
es an wüsten steinechtigen Orten wachse. Nun wächst bey uns im Ostwaldt/
Schwartzwaldt und Spessart/ wie auch im Gebirg deß
Waßgaws
ein Kraut in den duncklen und finstern Wälden/ in wüsten steinechtigen Klüfften
der Berg/ wird Elen lang/ ist mit der Gestalt der Bletter der Gänßzung
oder wilden Lattich ähnlich/ die seind etwas leichtgrüner/ doch mit den Stengeln
unnd Stacheln dem wilden Lattich durchauß
gleich/ die gewinnt gegen dem AUGUSTO dunckele/ braunrote Blümlein/ der Samen
ist dem Samen deß
wilden Lattichs gleich/ der fleugt darnach mit seinem grauwen Haar darvon/ wie
die andern Samen aller Lattichkreuter/ die Wurtzel ist kurtz/ schwartzrot unnd
voller Zaseln. Wann nun dieses Geschlecht nicht Blumen unnd Samen brächte/ so
wollte ich künlich sagen/ daß
dieses Kraut das STERILIS LIBANOTIS THEOPHRASTI were/ weil es aber Blumen
bringet/ muß
ichs in zweiffel setzen. Und mag wol seyn/ daß
eben THEOPHRASTUS dieses Kraut verstanden hab/ und die Blumen nie gesehen/ wie
ich dann bekennen muß/
daß
ich in sechs gantzer Jahr diesem Kraut nachgangen/ unnd mich sehr bemühet zu
erkündigen/ ob es Blumen trage oder nit/ hab es aber mit Blumen nie finden
können/ unnd gäntzlich darvor gehalten/ daß
es keine Blumen bringe/ wichs dann auch ohne Blumen hab lassen abreissen/
wie hierbey zu sehen ist. Nach dem ich aber im Jahr achtzig sechs im Ostwald hin
unnd wider Kreuter suchte/ fand ich etliche Stäudlein dieses Gewächs mit den
obgemelten Blumen im end deß AUGUSTI, deren Gipffel ich darnach zu dem vorigen
Abriß abreissen lassen/ wie hierbey zu sehen ist/ und habe dieses Krauts Blumen/
welches mir uber die vierzig Jahr bekannt gewesen/ zuvor nie gesehen/ mag
darüber anderer Urtheil gern hören.[ Dessen thut er widerumb meldung unden inn
der 5. Sect. am 28. cap. Wildt Sonchenkraut das 3. nennende.]
Von den
Namen der Hirtzwurtz.
Wir haben hiebevor in dem nechsten Capitel die Roßmareinkreuter oder
Weyrauchwurtz DIOSCORIDIS beschrieben/ so hat wöllen die notturfft erfordern die
Roßmareinkreuter oder Weyrauchwurtzeln THEPHRAST hie in diesem ort auch zu
beschreiben/ sintemal die der form und gestalt halben ein grosse ungleichheyt
mit Roßmareinkreutern DIOSCORIDIS haben/ dann dieser seine mit den Blettern deß
Fenchels/ unnd der ander die seinen mit den Blettern deß Wassereppichs
vergleicht/ so ist auch under deren beyden Authoren Kreuter/ auch nicht ein
geringer underscheidt in den Wurtzeln und Samen/ also daß die LIBANOTIDES
THEOPHRASTI mit den Roßmareinkreutern DIOSCORIDIS DER Form unnd Gestalt halben
gar kein gemeinschafft miteinander haben. Was nun die Roßmareinkreuter
DIOSCORIDIS belangen thut/ haben wir dieselben ordentlich beschrieben und
angezeigt/ daß wir verhoffen es werden gelehrte ein genügen daran haben. Was
dann ferner die Roßmareinkreuter THEOPHRASTI anlangen thut/ halten wir die drey
underschiedliche Geschlecht unserer Hirtzwurtz darvor/ dieweil solche nicht
allein der form unnd gantzen gestalt halben/ sondern auch mit jhren Kräfften
unnd Tugenden mit der Description THEOPHRASTI durchauß zuschlagen unnd
ubereinkommen. Unnd hindert uns gar nicht daß THEOPHRASTUS nur ein Geschlecht
deß fruchtbaren Roßmareinkrauts beschreibet/ dann auch DIOSCORIDES unnd andere
alte AUTHORES manchmal nur ein Kraut beschreiiben deren doch wir zu unserer Zeit
mehr Geschlechter gefunden unnd angezeigt haben/ die man nicht von den andern/
die die AUTHORES beschrieben/ absöndern können/ wie wir mit den
Storckenschnäbeln/ Windtrößlein/ Hanenfuß unnd andern mehr Kreutern genugsam
angezeigt haben. Gleicher gestalt trägt sich auch zu mit diesen
Roßmareinkreutern THEOPHRASTI, wiewol derselbige nur ein Geschlecht deß
fruchtbaren Roßmarinkrauts beschrieben/ so können doch die andern zwey
Geschlecht der weissen und schwartzen Hirtzwurtz mit nichten darvon abgesöndert
werden/ und das nit allein jhrer gestalt halben/ sondern auch von wegen jhrer
krafft und wirckung die sie mit dem ersten Geschlecht gleich unnd gemein haben/
derowegen wir sie auch darvon nicht absöndern wöllen/ sondern sie mit dem ersten
Geschlecht THEOPHRASTI LIBANOTIDES bleiben lassen.
l. Das erste Geschlecht heisset Lateinisch/ LIBANOTIS CACHRYFERA
THEOPHRASTI, LIBANOTIS THEOPHRASTI ALBA, LIBANOTIS CERVINA, und ROSMARINUM
THEOPHRASTI UMBELLIFERUM oder FERULACEUM. Die Kreutler nennens CERVARIAM RADICEM
ALBAM, und Teutschweiß Hirtzwurtz.
ll. Das zweyte Geschlecht wird Lateinisch unnd von den Kreutlern
LIBANOTIS THEOPHRASTIMAIOR, LIBANOTIS CERVINA MAIOR, ROSMARINUM UMBELLIFERUM
THEOPHRASTI MAIUS genannt. Teutsch weiß Hirtzwurtz.
Das dritte Geschlecht wird von den Kreutlern ROSMARINUM THEOPHRASTI
NIGRUM, LIBANOTIS THEOPHRASTI NIGRA, ROSMARINUM CERVINUM NIGRUM, APIUM CERVINUM
NIGRUM, und RADIX CERVARIA NIGRA, und von den Venedischen Aertzten SAXIFRAGIA
genannt. Teutsch/ schwartz Hirtzwurtz und schwartzer Hirtzpeterlein/ zum
underscheid deß Bergpeterlens/ der auch Hirtzpeterlen von den Wurtzelträgern
genannt wird.
lV. Das vierdt Geschlecht/ das Blätter dem wilden Lattich ähnlich
hat/ heisset Lateinisch/ LIBANOTIS THEOPHRASTI STERILIS, ROSMARINUM THEOPHRASTI
INFRUGIFERUM, unnd LIBANOTIS LACTUCACEA. Hochteutsch/ Waldlattich/ so anders
dasselbige mit der Description THEOPHRASTI auß oben angezeigten ursachen
passieren mag/ das wir doch nit gewiss schliessen/ sondern den Gelehrten
befehlen wöllen.
Von der
Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Hirtzwurtzel.
Die Hirtzwurtzel Geschlecht miteinander/ sonderlich die drey
fruchtbaren Geschlecht/ die anfänglich beschrieben seynd/ wie gemeldet/ die
wahren Roßmarinkreuter THEOPHRASTI, haben eine gleiche Eygenschafft/ Krafft und
Wirckung/ mit den Roßmareinkreutern DIOSCORIDIS, nemblich zu wärmen/ zu trucknen
und zu säubern/ oder zu reynigen.
Jnnerlicher
Gebrauch der Hirtzwurtz.
Die drey Geschlecht der Hirtzwurtzel seynd bey dem gemeinen Mann in
grossem Gebrauch inn dem sterben deß Rindtviechs unnd der Schaaff. Dann sie
stossen die Wurtzeln dieser Kreuter zu Pulver/ vermischens mit Saltz/ lassen das
Rindtviech und die Schaaff allen Tag davon lecken/ das bewahret sie von der
Jnfection deß Schelmens oder der Pestilentz. Wann auch ein Rindtviech
auffstosset/ die Ohren hencket unnd kranck wirdt/ so schütten sie jhm ein Loth
oder vier der gepülverten Wurtzeln/ mit warmem Essig zertrieben eyn/ unnd darvon
wirdt das Viech gesundt unnd von dem Schelmen erhalten unnd erledigt. Etliche
nemmen der Hirtzwurtzel zwey theil/ und ein theil Wechholderbeeren/ stossens zu
Pulver/ unnd giessens dem krancken Viech obgemeldter massen eyn. Dem gesundten
aber geben sie solches mit Saltz vermischt/ es vor der gemeldten Seucht zu
bewahren/ täglich zu lecken. Den Schweinen geben sie die Wurtzel allein oder mit
gepülverten Wechholderbeern/ mit jhrem Aaß zu essen/ und hab ich bey der warheit
augenscheinlich gesehen/ daß man viel darmit außgericht hat.
Etliche machen von der Hirtzwurtzel nachvolgends Pulver/ das
gebrauchen sie wie obgemeld/ unnd es hilfft sehr wol/ unnd ist in dem
Viechsterben erfahren: Sie nemmen der weissen und schwartzen Hirtzwurtzel/
Bergpeterlenwurtzel/ Wechholderbeeren/ jedes ein halb pfund/ Eberwurtzel/
Liebstöckelwurtzel/ jedes ein viertheil eines pfunds/ stossen das zu einem
Pulver/ und behaltens zu obgemeldtem gebrauch.
Etliche nemmen das Krautder weissen oder schwartzen Hirtzwurtz/
machens zu Pulver/ vermischens mit Saltz/ und gebens dem Rindtviech unnd den
Schaaffen zu lecken/ damit es viel Milch geben möge/ derwegen auch andere mit
jhrem Aas das Kraut vermischen/ dann es werde gebraucht/ wie es wöll/ so mache
es dem Viech viel milch.
Weiss oder schwartz Hirtzwurtzel zu Pulver gestossen/ unnd davon i.
quintlein genommen/ unnd darzu gethan ein halbes quintl. guten Theriack/ darnach
mit vier loth Ehrenpreißwasser und ii.loth Essigs vertrieben/ warm getruncken
und sich darauff nidergelegt/ unnd zum wenigsten drey Stunden darauff
geschwitzt/ das vertreibt alle Pestilentzische vergifftung unnd Contagion durch
den Schweiß hinweg.
Es mögen auch die obgemeldte Wurtzeln vor alles Gifft/ und der
gifftigen Thier bissz nutzlich und heylsamlich gebraucht werden/ mit Wein
eyngenommen.
Den Samen der Hirtzwurtzel gepülvert/ und eins quintl. schwer mit
Wein getruncken/ vertreibt die Harnwinde und dz tröpfflingen harnen/ reynigt die
Nieren/ Harngäng und Blasen/ treibt auß das Grieß/ führet auß den Nierenstein/
und vertreibet das Lendenwehe und schmertzen der Seiten.
Die Wurtzel von der weissen oder schwartzen Hirtzwurtz zu subtielem
Pulver gestossen und ein quintlein darvon mit Wein zertrieben und getruncken/
treibet die verhaltene Monatblumen fort/ reyniget und erwärmet die Mutter.
Die Bletter der schwartzen Hirtzwurtz in der Kost oder im Tranck/
oder aber auff andere weiß unnd maß gebraucht/ mehret den Seugmüttern die Milch.
Eusserlicher Gebrauch der Hirtzwurtz.
Das Kraut unnd die Wurtzel aller dreyer Geschlecht der Hirtzwurtzel
in Wasser gesotten/ und den Dampff durch ein Trechter in die Mutter empfangen/
fürdert die Monatliche Blumen der Weiber. Deßgleichen inn den Lendenbädern
gebraucht/ thut dergleichen/ treibt auß den Stein unnd das Lendenwehe.
Gemelte Kreuter und Wurtzeln/ trucknen und heylen die alten
flüssigen Schäden/ unnd säubern die so unreyn seynd/ inn Wasser oder Wein
gesotten/ dieselbigen darmit gebähetunnd gewäschen/ oder die Wurtzeln zu Pulver
gestossen/ unnd mit Rosenhonig zu einer Salben temperirt/ darnach in die Schäden
eyngelegt.