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BINSE
Juncus - Juncaceae
VON DEN WEYHERBINTZEN.
Die
grossen Weyher oder Wasserbintzen/ haben eine knopffechtige/ braune/ zasechtige
Wurtzel mit vielen Gleychen/ die fladert hin und her in der Erden gleich den
Riedtwurtzeln/ die erjüngen sich Jährlich widerumb auß den Gewerben der Wurtzeln
wie die jungen Augen oder Dolden auß den Rohrwurtzeln/ darauß wachsen von einer
Wurtzeln viel runder/ glatter/ dicker Stengel ohne Knöpff/ von Farben
schwartzgrün/ innwendig luck unnd mit weissem Marck außgefüllet/ haben gar keine
Bletter/ allein unden bey der Wurtzel seyndt sie mit kurtzen Lieschscheiden
bekleydet wie das Rohr/ werden zwoer und auch fast dritthalben Elen hoch/ oben
am Ende der Stengel gewinnen sie viel kurtzer/ schwartzbrauner Aeher/ ist ein
leichtes unnd unrühiges Gewächs/ das leichtlich hin unnd her von dem Windt
beweget und getrieben wirdt/ wie das Riedt das nimmer still stehet. Es wächset
in Weyhern/ Wassergräben unnd Sümpffen/ deßgleichen in nassen brüchechtigen
Wiesen am Rheinstrom/ darinn der Rhein außzulauffen pflegt.
ll. Noch ist ein ander Geschlecht der Wasserbintzen/ die seyndt nur
halb so groß/ seyndt doch dick unnd luck wie die andern grosen Weyherbintzen/
die wachsen von einer dicken vielfaltigen Wurtzeln/ von vielen kleinen Würtzlein
oder harechtigen Zaseln zusammen gesetzt von einem Haupt/ die Stengel oder
Bintzen seyndt gantz bloß oder nackend/ die gewinnen oben langechtige/ scharpffe
Aeher/ gleich wie die Spargen dick und Traubenweiß zusammen gefüget. Dieses
wächst in stillen und sanfftlauffenden Wasserflüssen und Bächlein.
lll. Das dritte Geschlecht hat eine zasechtige/ vielfaltige/ dünne
Wurtzel/ die ist fest unnd steiff in die Erden gehefft/ darauß wachsen viel
zarter/ dünner und schmaler Bintzenhälmer fast anderhalb Elen lang/ scharpff
außgespitzt/ am obern theil derselben gewinnt es ein braunschwartzen Samen weit
von einander außgespreytet. Es wächst in feuchten graßechtigen Gründen da es
Wassergallen hat und sümpffechtig ist/ ein gemeines und jedermenniglich
bekanntes Gewächs/ ist nit zum binden zu gebrauchen wie andere Bintzen/ dann sie
bricht gern/ und wird selten zu dieserarbeit gebraucht.
lV. Das viert Geschlecht ist mit der Wurtzeln dem jetztgemelten
gleich/ die Bintzen aber seyndt dünner/ subtieler/ zäher und schier aeschenfarb/
am obern theil nit weit von dem end der Gipffel/ bringt es an den Seiten
Kestenbraune/ knöpffechtige Blumen/ wann die zeitig werden folgen kleine
Häußlein im Augstmonat/ darinnen ist ein kleiner geeler Samen verschlossen.
Etlicher dieser Bintzengeschlecht findet man auch ohne Blumen oder Samen/ sie
wachsen in feuchten/ Graßechtigen Gründen/ wie die vorigen.
V. Das fünffte Geschlecht hat etliche Wurtzeln Fingers dick die sich
fest unnd tieff in die Erden thun/ seynd Gleychechtig wie die Wurtzeln der
Weyerbintzen/ mit vielen unzahlbaren Zaseln unnd haarechtigen Würtzlein
behencket/ die haben auch unden bey der Wurtzeln an statt der Bletter vjhre
Lieschscheiden wie die grossen Wasserbintzen/ die Bintzen seynd dick unnd groß
doch kleiner als die Weyherbintzen/ die seynd innwendig mit weissem/ luckem/
gelöchertem Marck außgefüllet/ die tragen oben nahe bey dem Gipffel schöne/
Braune Doldechtige Blumen/ dieses wechset in Wälden an Wasserechtigen Orten.
Vl. Das sechste Geschlecht hat ein schwartze/ uberzwerche Wurtzel
die nicht tieff im Grund liegt/ mit vielen angehenckten kleinen Würtzlein/ an
der grossen uberzwerchen Wurtzel gewinnet es viel neuwer Schoß oder Augen/
darauß neuwe Bletter uber Jahr herauß wachsen die seynd den Blettern der
Schwertel Lilgen ähnlich/ aber viel schmaler unnd dreyeckechtiger/ unden bey der
Wurtzel zusammen getrungen/ unnd oben außgespitzet/ mitten zwischen den Blettern
stosset herfür ein schöner/ glatter unnd runder/ dünner Stengel/ der wird zwoer
und auch bißweilen dreyer Elen lang/ von farben Graßgrün wie die Bletter/ oben
auff dem Stengel wachsen im Meyen herfür von einem anfang viel schöner/
hübscher/ leibfarber Blumen auff langen Stielen/ ein jede Blum auff einem jeden
besondern Stiel/ die haben inwendig geele Fäselein die die Händ ferben wie
Saffran/ die seynd im Brachmonat in voller Blüt/ Es wächst an den Gestaden der
fliessenden Wasser unnd Bächen/ deßgleichen an den Wassergräben/ Weyhern und
nassen sümpffechtigen Orten.
Vll. Das siebende Geschlecht hat ein schwartze/ dicke unnd
knöpffechtige Wurtzel mit etlichen Nebenzincken/ die strecket sich tieff in das
Erdreich. Es hat dieses Gewächs ein runden/ dünnen/ Bintzechtigen Stengel/ nicht
viel uber einer halben Spannen lang/ die Bletter seynd dick wie die
Lauchbletter/ schmal/ gebogen und zweymal lenger als der Stengel/ von Farben
weißechtig. Oben auff dem Stengel gewinnet es ein bleyche Purpurrote getrungene
Blum/ von vielen Blümlein zusammengesetzt/ der Blumen deß wilden Lauchs ähnlich.
Dieses Bintzengraß wächst nicht in Teutschlandt/ sondern in warmen Landen in
sandechtigem Grund bey dem Meer/ welches mir erstlich von einem Apotecker
IOHANNE BURGUNDO wie er mit etlichen Herrn auß dem heiligen Land wider kommen/
mitgetheilet ist. Dieses wächst auch in der Provintz Franckreich und in
Languendock.
Von den
Namen der gemelten Bintzen.
Der Bintzen heisset Lateinisch/ SCHOENUS, ELIOSCOENUS,
ENYDROSCOENUS, SCIRPUS, IUNCUS, IUNCUS PALUSTRIS unnd IUNCUS AQUATICUS, zum
Underscheid deß Kamelenheuws/ welches auch IUNCUS und IUNCUS ADORATUS genannt
wird. Hochteutsch/ Biese unnd Bintzen oder Schmelen/ unnd in Westerreich/
Sympsen.
l. Das erste Geschlecht heisset Lateinisch/ HOLOSCHOENUS, unnd von
den Kreutlern IUNCUS AQUATICUS MAIOR. Teutsch/ groß Weyherbintz.
ll. Das zweyte Geschlecht wird von den Kreutlern IUNCUS AQUATICUS
MINOR, genannt. Hochteutsch/ klein Weyher oder Wasserbintzen.
lll. Das dritte Geschlecht heisset Lateinisch/ IUNCUS ACURUS und
IUNCUS ACUMINATUS. Hochteutsch/ scharpff Bintz.
lV. Das vierdte Geschlecht heisset Lateinisch/ IUNCUS LEUIS, und bey
dem PLINIO, MARISCUS.
Das fünfft Geschlecht haben wir IUNCUM SYLVATICUM genannt/ und zu
Teutsch/ Waldbintzen.
Vl. Das sechste Geschlecht ist das recht CYPIRUS THEOPHRASTI, bey
THEODORO GAZA und VALERIO CORDO, GLADIOLUS PALUSTRIS, von den Kreutlern IUNCUS
CYPERIODES, und IUNCUS CYPERINUS FLORIDUS. Hochteutsch/ Bintzenschwertel/ unnd
Cyperschwertel/ das ist/ GLADIOLUS CYPERINUS oder XIPHIOCHOENUS.
Vll. Das siebende Geschlecht wird von den Kreutlern IUNCUS MARINUS,
genannt. Hochteutsch/ Meerbintz.
Von der
Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Bintzen.
Die fünff ersten Geschlecht der Bintzen haben eine mittelmässige/
wärmende Eygenschafft/ mit einer trucknenden Krafft/ und werden heutigs Tags als
unnutze Kreuter gar nit in der Artzeney gebraucht.
Jnnerlicher
Gebrauch der Bintzen.
Den Samen von den Gemelten Bintzen ein wenig gebraten oder geröschet
und zu Pulver gestossen/ darnach mit gewässertem Wein getruncken/ stopffet denm
Stulgang und den unmässigen Blutfluß der Weiber/ unnd treibet den Harn/ er
machet aber wehthumb deß Haupts wie DIOSCORIDES L.4.C.42. bezeuget. GALENUS
schreibet daß der Samen von den grossen Wasserbintzen den Schlaff bringe.
Eusserlicher Gebrauch der Bintzen.
Die zarte Bletter oder Lieschscheiben/ die neben den Wurtzeln
wachsen/ seynd nutzlich und gut wider die Biß der gifftigen Erdspinnen/ wie ein
Pflaster ubergelegt.
Das Marck auß den grosen Weyherbintzen und auch den andern grössern
Bintzen gibt gute Dächt und Wiechen in den Ampellen zu brennen.
Auß den kleinen schmalen Bintzen machen etliche leichte Schatthüte/
und lassen dieselbigen mit Daffet oder Sammet uberziehen.
Die jungen Buben die da wöllen lernen schwimmen/ die fahen solches
mit den grossen Weyherbintzen an/ schwimmen darauff biß daß sie jhrer Kunst
gewiß werden. Sonst decken die armen und gemeinen Leut jhre Häuser darmit wie
mit dem Stroh.
Andere flechten oder machen auß den langen schmalen Bintzen kleine
Fischreußlein und Körblein/ und trucknen die Bauwersweiber jhre Käß darauff.