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OCHSENAUGE, RINDSAUGE
VON RINDSAUGEN ODER WILDEN CHAMILLEN/
UND STREICHBLUMEN
Das erste Geschlecht der Rinds-Augen/ ist der stinckenden Chamillen oder Krottendill/ mit Stengel/ Bletter
und Blumen so gleich/ dass sie kümmerlich können von dem blossen anschauwen underscheiden werden/ allein dass die Blumen breiter
seyn/ und die Stiel zärter/ dann dess Krottendills. Das gantze Gewächs ist ohn Geruch/ und erjüngt sich jährlich von seiner
Wurtzel/ die unversehrt uber Winter stehen bleibt. Wächst in den Feldern und Brachäckern. Ich hab sie auch mit gefüllten Blumen
funden.
ll. Das ander Geschlecht dess RindsAugen Krauts/ streichblumen genannt/ ist mit seiner gantzen Gestalt
anzusehen wie unser Chamillen/ doch ist der Stengel etwas höher oder länger und dicker/ wie dann auch die Blumen grösser seynd.
Die Bletter vergleichen sich der Garben/ seynd doch ein wenig breyter/ schier wie dess Krottendills und Reynfahrns/ klein unnd
subtil zerspalten. Die Blumen erzeigen sich gegen dem Brachmonat/ die seindt gerings umbher mit schönen Blätlein gezieret/ von
Farben inwendig unnd ausswendig gantz geel/ wie die Goldt oder Ringelblumen. Beyde Kraut und Blumen haben einen lieblichen Geruch/
der vergleichet sich dem Geruch dess Beyfuss und Chamillens/ als wann man diese Kreuter durch einander zerriebe: Die Wurtzel ist
Holtzechtig/ eines kleinen Fingers dick/ mit vielen Nebenwurtzeln und Zaseln behencket. Dieses Kraut wächst viel in dem Altzeyer
Gaw/ auff den gebauwenen Steinechtigen Feldern und Rechen.
lll. Das dritte Geschlecht der Rindsaugen/ ist mir auss frembden Landen zugeschickt worden/ wächst in
Teutschen Landen nicht von sich selbst/ sondern muss mit fleiss in Gärten gezielet werden/ ist ein schön und lieblich Gewächs
anzusehen. Die Wurtzel ist eines kleinen Fingers dick/ ziemlich lang/ mit kleinen Nebenwürtzlein behenckt: Gegen dem Frühling
kommen herfür die zarten tieff zerschnittene Blätlein/ etlicher massen dem Beyfuss und Fenchel sich vergleichend/ seind doch
sehr viel reiner unnd kleiner: An welchen im Brachmonat herfürkommen die schönen geelen Blumen/ die sich den Ringelblumen
vergleichen/ doch seyndt die Bletter derselben breyter/ unnd an der Farb durchauss Bleichgeel/ eines ziemlichen guten Geruchs. Es
mag dieses Gewächs bey uns den Winter nicht wol leiden/ unnd erfreuret sehr leichtlich/ derwegen es/ wie andere Gewächs/
Winterszeit in Kellern muss erhalten werden: Jn Tuscanien wächst es gnugsam von sich selbst/ daher ichs auch bekommen hab.
lV. Das vierdte Geschlecht der Rindsaugen vergleichet sich mit den Blettern dem ersten Geschlecht/ auch
Kalbsaug genant/ die Stengel sind einer Ehlen lang/ und krumb/ die Blumen durchauss geel gestirnt/ Die Wurtzel ist lang eines
kleinen Fingers dick/ Holtzechtig/ mit wenig Nebenwürtzlein. Dieses Gewächs wächst auch nicht bey uns von sich selbst/ muss wie
andere frembde Gewächs in Gärten gezielet werden. Jn der Provintz Franckreich wächst es von sich selbst/ wie auch in
Languedock/ nicht weit von dem Meer.
V. Das fünffte Geschlecht der Rindsaugen/ wächst auch in Provintz unnd Languedock/ das hat kleine Bletter wie
der Krottendill/ die seyndt an der Farb grauwlechtig/ die Blumen seynd geel wie die Streichblumen/ schön gestirnt/ die stiel
seyndt anderthalb Spannen lang/ die Wurtzel ist lang unnd Holtzechtig.
Von dem Namen der Rindsaugen und Streichblumen
DIOSCORIDES unnd die Alten/ die gedencken nur eines Geschlechts der Rindsaugen/ das wirdt von jhnen
BUPHTHALMUS, oder BUPHTHALMUM genannt: Zu welchem unser Streichblum unnd Tuscanisch Rindsaug/ sich sehr wol reymen/ Beyde was die
Gestalt und Beschreibung/ und auch derer Kräfft und Tugendt belangen thut. Derwegen wir sie auch mit andern under das BUPHTHALMUM
setzen/ unnd jhnen jhren rechten Tauffnamen lassen wöllen. Unnd jrren aber die nicht wenig/ die auss der Streichblumen das
CHAMAEMELUM CHRYSANTHEMUM DIOSCORIDIS machen wöllen.
l. Dz erste Geschlecht mit den weissen Blumen heist bey den Simplicisten/ COTULA, COTULA NON FOETIDA,
CHAMOMILLA SYLVESTRIS, CHAMOMILLA FATUA und BUPHTHALMUM LEUCANTHEMUM, zu unterscheidt der Streichblumen.
ll. Das ander heisset Lateinisch/ BUPHTHALMUM, BOANTHEMUM, MERCURII GENITURA, CAPPACORANIA, CACHLAS und BOARIA.
Die Simplicisten nennens BUPHTHALMUM CHRYSANTHEMUM, zu unterscheidt dess erstgesetzten mit den weissen Blumen/ OCULUM VACCAE,
BUBULUM OCULUM, CORTULAM LUTEAM unnd CRISPULAM HERBAM. Sonst wird auch bey den Arabischen Aertzten in jhren Schriften gelesen
PEONASAR unnd PEONASARI, dardurch sie BUPHTHALMUM oder Streichblum verstehen.
Hochteutsch/ Streichblum/ Sterckblum/ und Steinblum.
lll. Das Tuscanisch und dritt BUPHTHALMUM, dieweil es ein rechtes und wahres Geschlecht dess BUPHTHALMUM ist/
haben wir es BUPHTHALMUM VERUM genannt/ und lassen doch die andern Geschlecht alle auch BUPHTHALMA bleiben/ wie sie dann auch in
der Warheit seyndt.
lV. V. Das vierdte und fünffte Geschlecht / so in der Provintz Franckreich und in Languedock wachsen/ werden
zu unterscheid der andern BUPHTHALMA MARINA, und BUPHTHALMA NORBONENSIA genannt. Das erst und grösser under diesen beyden wirdt
BUPHTHALMUM NORBONENSE, oder MARINUM MAIUS genannt. Das ander BUPHTHALMUM NORBONENSE oder MARINUM MINUS, und auch TENUIFOLIUM, von
wegen dass seine Bletter kleiner unnd zärter sind/ dann dess andern. Teutsch heissen sie gross und klein Meer Streichblumen.
Von der Krafft und der Eygenschafft der Streichblumen und Rindsaugen
Alle Geschlecht der Rindsaugen und streichblumen haben eine krafft zu erwärmen/ zu trücknen und zu
zertheilen: Seynd warm und trucken im andern Grad/ und mögen nützlich innerhalb und ausserhalb dess Leibd gebraucht werden.
Jnnerlicher Gebrauch der Streichblumen
Streichblumen in Wein gesotten/ und die durchgesiegene Brüh nach dem Bade getruncken/ treibet auss die
Geelsucht zwischen Fell und Fleisch/ und bringt natürliche Farbe wider. Solche Wirckung schreiben DIOSCORIDES unnd andere jhrem
BUPHTHALMO zu/ die ist mehr als einmal auch in der veralten Geelsucht erfahren/ und als ein warhafftig Experiment erfunden worden.
Die Blumen von Streichblumen in der Kost oder in andere weg genützt/ verhütet die Menschen lange zeit vor dem
sorglichen und erstickenden Halssgeschwer ANGINA genannt.
Eusserlicher Gebrauch der Streichblumen
Unsere Weiber samlen diese Blum im Brachmonat/ wann sie in jhrer vollkomlichsten Blüth seynd/ dürren
dieselbige im schatten/ und brauchen sie/ schön geel darmit zu färben/ und ersparen darinn den Saffran/ dann wann sie die Beth
bestreichen wöllen/ bereiten sie die Stärck darzu mit gemeltdten Blumen ab/ welcher Gebrauch dann zu erhaltung der Beth/ bey uns
gar gemein ist.
Streichblumen auffgetrucknet zu Pulver gestossen/ mit Bonenmeel und gestossenem Römischen Kümmel/ jedes
gleich viel vermischt/ und dann mit genugsamem Honig zu einem Pflaster temperiert/ und warm ubergelegt/ zertheilt das
undergerunnen Geblüt/ unnd heylet das/ so am Leib zerstossen/ oder von fallen geschädigt ist.
Streichblumen gestossen/ mit altem Baumöl und Wachs ein Pflaster darauss gemacht/ zertheilet die harten Beulen
und Knollen/ und sonderlich die Specktrüsen/ STEATOMATA von den Griechischen Aertzten genannt.
Streichblumen mit Kraut und Blumen gestossen/ folgends mit Bech/ Vogelleim und gepülvertem lebendigen
Schweffel ein Pflaster darauss gemacht/ vertreibt die harten geschwulsten/ die nach den entzündungen oder hitzigen Schweren
folgen.
Streichblumen in Meth oder Honigwasser gesotten/ und die durchgesiegene Brühe/ darvon in die Mutter/ durch ein
bequem Jnstrument/ gethan/ reiniget die umb sich fressenden Geschwer derselben/ und heylet sie. Die alten faulen umb sich
fressenden Schäden der Schenckel unnd anderer örter damit gewäschen/ hat es gleiche Wirckung. Dann das Kraut auff alle Mass
unnd Weg gebraucht/ ist es sehr heylsam zu allen alten Schäden/ es sey in Pflastern/ Salben oder Bädern.
Streichblumen mit Maulbeern Safft gestossen/ dienet wider den Nabelbruch/ wie ein Pflaster darüber gebunden.