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MEERWWERMUT
VON DEM MEERWERMUTH UND SEINEN GESCHLECHTEN
DIOSCORIDES schreibet/ dass der Meerwermuth/ ABSINTHIUM SERIPHIUM genannt/ uberflüssig wachse auff dem
Berge TAURO neben CIPPADOCIA und in der Landtschafft AEGYPTI TAPHORISI, welchen die Pfaffen ISIDIS an statt der Oelzweig
gebrauchen/ und beschreibet denselben mit kurtzen worten also: Meerwermuth ist ein zartes Kreutlein/ der kleinen Stabwurtz oder
Garten Cypress ähnlich/ hat ein kleines Sämlein/ ein wenig bitter/ dem Magen schädlich/ eines starcken Geruchs/ hat eine Krafft
damit er zusammen zeucht und erwärmet. In diese kurtze beschreibung dieses Kreutleins/ können sich die Gelehrten nicht wol
richten/ haben vielerley Meynungen von dem Meerwermuth/ einer diese/ der andere ein andere. PETRUS ANDREAS MATHIOLUS hältet den
Meerbeyfuss vor das rechte Sophienkraut/ mit einem andern Namen Wellsamen genant/ vor das recht ABSINTHIUM MARINUM DIOSCORIDIS
gehalten. Wie gröblich aber sie alle jrren/ uberweiset sie die kurtze beschreibung DIOSCORIDIS, der sein ABSINTHIUM MARINUM der
kleinen Stabwurtz/ welche unser Garten Cypress ist/ vergleicht. Nun haben weder der Meerbeyfuss/ noch das Sophienkraut einige
gleichnuss mit dem Garten Cypress. Wirdt man derwegen die Beschreibung DIOSCORIDIS vor die Handt nemmen/ und ohn alle umbschweiff
dabey bleiben müssen/ und ein Kreutlein suchen/ das durchauss etlicher massen eine gleichheit habe mit der kleinen Stabwurtz oder
Garten Cypress. Wann wir nun der Sachen fleissig nachdenckens haben/ finden wir dess SERIPHII DIOSCORIDIS, das ist warhafftigen
Merwermuths zwey Geschlecht.
l. Das erst und warhafftig SERIPHIUM ist ein kleines kreutlein/ kommet von einer harten/ langen holtzechtigen
Wurtzeln/ die fast so tieff in der Erden/ als das Kreutlein mit jhren stengeln/ deren es viel fort treibet/ uber der erden stehet:
Dieselben seyn dünn/ einer halben Ehlen lang/ mit runden kleinen Nebenzweiglein/ Die Blätlein an den Stengeln unnd Zweiglein
seyn klein/ zerkerfft wie der kleinen Stabwurtz oder Garten Cypress/ mit reiner subtiler weissen Wollen uberzogen wie das
Ruhrkraut. An den Gipffeln gewinnet es schöne/ runde/ getrungene/ goltgeele Blumen/ welchen folget der Samen dem Chamillen Samen
ähnlich/ hat ein starcken/ doch nicht unlieblichen Geruch: der Geschmack ist ein wenig bitter. Dieses Kreutlein vergleichet sich
der kleinen Stabwurtz so nahe/ dass man es kaum/ so sie bey einander gesehen werden/ underscheiden kan/ allein dass es weisser und
wollechtiger ist/ unnd die Blättlein auch etwas kleiner seynd/ wie auch das gantze Kraut kleiner ist. Es kann in unserm Landt die
Winter fröst nicht erleiden/ ist ein Sommergewächss/ unnd muss im Winter in warmen Kellern erhalten werden. Jn der Provintz
wächst es vor sich selbst ohn einige Pflantzung/ wie der Rossmarin und Lavander/ es blühet im Brachmonat.
ll. Das ander Geschlecht ist dem vorgeschriebenen Meerwermuth nicht fast ungleich/ hat ein Stämmlein undenher
Daumensdick/ darauss wachsen viel Gärten oder Stengel einer Elen lang/ gezieret mit Blätlein die lenger seynd als dess
Meerwermuths/ zerkerfft/ den Heyden Blätlein fast gleich/ seynd doch feister/ weiss und wollecht: an den Gipffeln kommen herauss
schöne/ geele/ runde Blumen/ den vorigen fast gleich wie auch der Samen. Die Wurtzel ist holtzechtig/ hat viel Zaseln/ der Geruch
ist lieblich unnd würtzechtig/ die Bletter/ Blumen und Samen sind am Geschmack etwas bitter. Es wirdt auch dieses Kraut bey uns
in den Gärten gezielet/ und kann den Winterfrost ziemlich leiden. In der Provintz wächst es wie dz erst geschrieben SERIPHIUM
vor sich selbst/ blühet wie das vorige im Brachmonat.
lll. Das dritte Geschlecht hat mir der Hochgelehrt WILHELMUS TURNERIUS ANGLUS erstlich mitgetheilet/ ist unserm
gemeinen Wermuth gleich an aller Gestalt/ die Bletter seynd aber weisser/ der Geruch ist starck und abschewlich/ der Geschmack ist
bitter und versaltzen/ unlieblich und widerwillisch/ wächst an Gestaden dess Meers/ und sonderlich findet man dessen viel in
Seelandt bey Flissingen/ daher ichs schön bekommen. Wiewol nun das auch ein Meerwermuth ist/ so ist er doch den vorgemeldten
wahren SERIPHIIS nicht gleich/ auch von den Alten nit beschrieben worden.
lV. Noch hab ich ein klein Geschlecht dess Wermuths/ ist ein schönes drauschlechtes Kreutlein wie ein
Bäumlein/ nicht mehr als eins Fingers lang. Die Bletter vergleichen sich dem Bergwermuth/ seynd doch viel kleiner/ ist mir von
LUDONICO BURGUNDO, einem Apotecker mit andern mehr Gewächsen zugestellet worden/ der als er mit zweyen Graffen in das heilige
Landt gereyset/ es am Gestaden dess Meers TIBERIADIS oder am See Genezareth gesamlet hat.
(Weil ich meinem MATTHIOLO so ich in Truck geben hab/ noch zwey Geschlecht dess Meerwermuths gesetzt/ hab ich
jhren allhie auch kürtzlich gedencken wöllen (will von diesem und anderen in meinem Kreuterbuch weitleuffiger handeln.) Das
erste ist dem Pontischen Wermuth nicht fast ungleich/ hat aber breitere Bletter/ so weiss und wollecht sind/ seine Blümlein sind
gelbrot vermischet/ welchen folget der Samen/ so klein/ bitter und scharpff ist. Das gantze Kraut ist bitter/ unnd einen
ziemlichen guten Geruch. Dieses findet man am Gestaden dess Meers bey Massilien/ wiewol ichs auch an dem Venedischen Gestad Lio
genant/ gefunden habe.
Das ander Geschlecht hat breiter Bletter/ so auch grüner sind dann dess Pontischen/ so ein unlieblichen
geschmack haben/ und ein starcken Geruch. Dieses wächst vor sich selbst in der Provintz Franckreich/ so man Saintonge nennet: in
den Niderlanden wird es von etlichen in den Gärten gezielet.)
Von dem Namen der Meerwermuthen
Der recht erst beschrieben Meerwermuth heist Lateinisch SERIPHIUM und ABSINTHIUM MARINUM. Zu Teutsch zu
underscheidt dess gemeinen Meerwermuths/ Edler Meerwermuth/ unnd kleiner Garten Cypress/ weil er demselben an aller form und
gestalt gleich ist.
ll. Der ander und grösser Meerwermuth/ heisset zu underscheidt dess kleinern und jetztgemeldten SERIPHIUM
(MAIUS?) unnd ABSINTHIUM MARINUM MAIUS; Die Kreutler nennen jhnen SANTOLINAM MAIOREM, Zu Teutsch grosser Meerwermuth/ und grosser
Garten Cypress/ dieweil er dem Cypresskraut ABROTONO MINORE gleich/ unnd desswegen vor ein Geschlecht desselben gehalten wirdt.
VALERIUS CORDUS nennet diesen Meerwermuth SANTONICUM MAIUS, aber fehlet/ dann dieses Kraut mit dem SANTONICO keine gleichheit hat/
wie ferner an seinem Ort angezeiget werden soll.
Der Arabisch Artzt SERAPIO nennet den Meerwermuth LIB.DE TEMP.SIMP.CAP.14 und CAP.307 SARUBAM ERIFION und
SARICON, auff Arabische Sprach/ welche Namen die Araber von dem Griechischen Wort SERIPHIO entweder entlehnet/ oder werden die
Griechen von den Arabern den Namen SERIPHIUM von der Araber SARUCHAM oder SARICON, wie von jhnen auch sonst von andern
Barbarischen Sprachen mehr geschehen ist/ genommen haben. Diese gemeldte Arabische Namen/ wie auch das SERIPHIUM, ist von den
Ausslegern der Sprachen zu unser Zeit fälschlich STICHADOS CITRINUM verdolmetscht worden/ dadurch sie unsere Reynblumen
verstanden/ welches ein doppeler Jrrthumb ist/ dann unser Reynblum ist ein STICHAS, oder wie sie es mit einem Barbarischen Namen
STICHADOS nennen/ sondern dz rechte AMARANCHUS, darvon an seinem Ort weiter.
lll. Der gemeine Meerwermuth wirdt von den Kreutlern Lateinisch ABSINTHIUM MARINUM, oder SERIPHIUM VULGARE
genennet. Von uns Teutschen gemeiner Meerwermuth.
lV. Das klein und letzt beschrieben ABSINTHIUM MARINUM, so mir auss dem Heiligen Landt zukommen/ nenne ich
ABSINTHIUM TIBERIADICUM und ABSINTHIUM GENEZARETHICUM, weil es am Meer TIBERIADIS oder am See Genezareth wächst/ und daselbst
gesamblet worden ist.
V. Das fünffte nenne ich ABSINTHIUM SERIPHIUM GALLICUM, das ist/ Französischer Meerwermuth.
Vl. Das sechste wird ABSINTHIUM SERIPHIUM LATIFOLIUM, Das ist/ Breiter Meerwermuth von mir genennet.
Von der Eygenschafft/ Krafft und Wirckung der vor erzehlten Meerwermuthen
Der Meerwermuth ist am Geschmack etwas bitter/ hat eine Krafft zu erwärmen/ ist trucken im dritten Grad/ dem
Magen schädlich/ und ist solches von den zweyen rechten Meerwermuthen zu verstehen/ die mit der Beschreibung DIOSCORIDIS uberein
kommen. Der dritte der dem gemeinen Wermuth gleich ist/ ist neben dem abschewlichen bittern Geschmack versaltzen/ der hat eine
Krafft zu erwärmen im zweyten/ und zu trucknen im dritten Grad/ vertreibt und tödtet die Bauchwürme/ beyde innerlich unnd
eusserlich gebraucht/ unnd ist solcher Meerwermuth das recht ABSINTHIUM MARINUM, oder SERIPHIUM GALENI, darin die Beschreibung
desselbigen DE SIMPL.MED.FACUL.LIB.8. gantz und gar mit diesem Kraut/ unnd nicht mit Meerwermuth DIOSCORIDIS uberein stimpt/ unnd
zwey underschiedliche Kreuter seyndt/ wie auss deren beyden Beschreibungen abzunemen ist.
Jnnerlicher gebrauch dess rechten Meerwwermuths DIOSCORIDIS
DIOSCORIDES schreibt/ dass der Meerwermuth allein vor sich selber/ oder mit Reiss gekocht/ und ein wenig Honig
eingenommen/ die Bauchwürme tödte/ unnd treibe darneben den Stuhlgang sänfftiglich: und habe dieselbige Krafft unnd Wirckung
gleichfalls mit andern Speisen eingenommen/ oder mit Linsen gekocht. Weil dann dieses Kraut heutiges tags nicht im gebrauch der
Artzeney ist/ mögen täglich seine Kräffte/ Wirckung und Tugendt besser erkennet werden.