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KUHSCHELLE, KÜCHENSCHELLE
Pulsatilla - Ranunculaceae


VON DEN KÜHESCHELLEN ODER KÜCHENSCHELLEN

    Dieweil die Küchenschellen Kräuter von den Gelehrten auch under die Anemone oder Windtrösslein gerechnet werden/ haben wir dieselben hie nach wöllen setzen/ und sie/ dieweil sie beyde mit den Blettern und Wurtzeln den Anemone Rösslein ungleich seynd/ besonders wöllen beschreiben. Deren findet man bey uns in Teutschlandt underschiedlicher Geschlecht.
    l. Das erst und gemein Geschlecht der Küchenschellen/ hat ein Wurtzel fast eines Schuchs lang/ aussgerissen wie die Eberwurtz/ ist am Geschmack süsslecht mit einer schärpffe: Jm angehenden Frühling bringet die herfür kleine/ rauhe/ zerspaltene Bletter/ so die erwachsen/ werden die zertheilt wie der Fenchel/ doch etwas grösser an Blettern/ der wilden Pasteney fast gleich. Darzwischen wächst herauss einer oder zween stengel einer Spannenlang/ darauff kommen im Mertzen herfür schöne/ gestirnete und Purpurbraune Blumen/ auff jedem Stengel eine/ die haben inwendig geele Fäselein wie die Rosen. Jm Meyen wird die Blum zu einem grawen haarechtigen/ runden Kopff/ anzusehen wie ein Jgel/ dasselbig ist der Saamen/ dann ein jedes Haar hat unden seinen langen Kolben auff dem Stengel/ wie ein Schweinsbürst. Die Bletter seynd am Geschmack viel schärpffer dann die Wurtzel/ und so man die keuwet/ brennen und beissen sie die Zungen/ gleich dem Pfeffer oder Hanenfuss. Diss Kraut wächst sehr gern in den steinechtigen und sandechtigen Gründen/ dessgleichen auch in den Wälden.
    2. Dieses ersten Geschlechts/ findet man auch/ dass blauwe Blumen tregt/ sonst mit Wurtzel unnd Kraut dem vorigen gleich.
    3. Dessgleichen findet man auch dessen Geschlechts/ das geel Blumen tregt/ das ist mir auss Piemont dörr zukommen/ da es dann vor sich selbst wächst. (auff dem Berg Gothard genant/ im Schweitzerland find man sein viel.)
    ll. Das zweyt Geschlecht hat ein Wurtzel die vergleicht sich dem ersten/ die Stengel seynd haarechtig und rauch einer spannenlang/ die Bletter seynd lenger/ schmäler und tieffer zerschnitten/ vergleichen sich dem Haarstrang/ seynd doch kleiner. Die Blumen seynd schön roth von sechs Blettern/ die haben inwendig geele Fäselein wie die andern. Das gantz Kraut ist hitzig und scharpff am Geschmack/ die Wurtzel aber ist milter.
    lll. Das dritt Geschlecht ist so viel die Wurtzel belangt/ den andern allen/ wie auch die Bletter/ dem ersten fast gleich/ seynd doch etwas breyter/ die Blumen seynd weiss/ sonst mit sechs Blettern/ wie die vorigen besetzt/ unnd inwendig haben sie auch die Saffrangeelen Fäselein. Diese beyde Geschlecht müssen bey uns mit grossem fleiss in den Gärten gezielet werden/ dann sie schwerlich auffzubringen seynd/ gehört derwegen Fleiss und Sorg darzu.
    lV. Das vierd Geschlecht hat ein lange grauwe Wurtzel/ mit sieben oder acht Nebenwürtzlein behenckt/ die Bletter undenher seynd in drey underschiedliche Flügel abgetheilte/ die hangen an rauhen/ haarechtigen Stielen/ seynd tieff zerschnitten/ und geringsherumb zerkerfft/ vergleichen an der Form und Gestalt etlicher massen dem Körbelkraut/ seynd doch schmäler und langlechtiger/ oben glat und grün/ unden gegen der Erden aber weiss und wollechtig: Zwischen den Blettern wächst herfür ein fester rauher Stengel einer Spannenlang/ ohne Bletter/ biss oben schier am end/ da hat er drey Bletter/ etwas kleiner als die understen/ wie an den andern Küchenschellen und den WindRösslein: Oben am Stengel kompt im Hewmonat herfür/ ein schöne weisse Blum mit sechs Blätlein besetzt/ die seynd ausswendig ein wenig braunlechtig unnd haarechtig/ die ist in der gestalt den Küchenschellen gleich/ doch etwas kleiner/ inwendig mit geelen Fäselein/ darauff folget der wollechtig Samen/ wie in den andern Arten der Küchenschellen. Der Geschmack der Bletter ist scharpff unnd unlieblich. Diss Kraut wann es schon in die Gärten gepflantzt/ unnd seiner wol unnd fleissig gewartet wirdt/ haltet es sich doch nicht lang/ sondern verdirbt baldt. Es wächst sein viel in dem Vehsch' Gebirg das Lottringen unnd das Elsass scheidet/ sonderlich aber auff den Bergen zwischen Spinal und Fontenaw/ in steinechtigen Orten zwischen den Felsen/ also dass mans schwerlich gantz mit der Wurtzel aussgraben kann.
    V. Das fünffte Geschlecht hat ein lange/ krumme/ ungleiche Wurtzel/ mit langen zaselechtigen Würtzlein behenckt/ die Bletter seynd der gemeinen Küchenschellen gleich/ seynd aber von Farben grün. Die Blumen seynd blaw/ langlecht/ kleiner dann die andern/ unnd bleiben allezeit zugeschlossen. Diss Gewächs ist nicht gemein/ muss in den Gärten gezielet werden.

Von dem Namen der Küchenschellen
    Die Küchenschellen Kreuter werden von den Gelehrten vor Geschlecht der Windt oder Anemone Rösslein gehalten/ dieweil aber die Wurtzel derselben nicht rundt wie Oliven/ oder knorrechtig und gleichechtig sind/ wie alle Geschlecht der Anemone Rösslein/ haben wir dieselben darvon absondern unnd in einem besondern Capitel wöllen beschreiben. Etliche vermeynen sie seyen Geschlecht der Hanenfüss/ von wegen jhres hitzigen unnd scharpffen brennenden Geschmacks auff der Zungen/ aber wie ein greifflicher Jrrthumb das seye/ können alle die in Erkantnuss der Kreuter nur ein wenig geübet seyn/ leichtlich erkennen. Wie solche Kreuter aber bey den Alten genennet seyndt worden/ hat noch niemandt angezeigt/ dann dass etliche sie vor die Windtrösslein der Alten gehalten haben/ welches wir auss obenerzehlten Ursachen nicht passiren lassen können/ wöllen derwegen solche Kreuter bey jhren gemeinen Namen/ die jhnen von den Kreutlern unserer Zeiten gegeben worden/ auch bleiben lassen. Zu unserer Zeit heissen die Küchenschell bey den Kreutlern und MEDICIS, PULSATILLUS und PULSATILLA, in den Apotecken HERBA VENTI, CANDA VULPIS und NOLA CULIMATIA.

Von der Krafft/ und Eygenschafft der Küchenschellen
    Alle Küchenschellen Kreuter seyndt hitziger Natur in dem vierdten Grad/ sonderlich aber das Kraut mit den Stengeln/ also dass sie auch die Haut brennen unnd auffetzen gleich dem Hanenfuss/ sol derwegen nur ausserhalb dess Leibs gebraucht werden. Die Wurtzel aber dieser Kreuter ist milter und temperirter/ also dass sie ein Krafft zu trücknen unnd zu wärmen hat/ biss in zweyten Grad/ und mag nützlich innerlich und eusserlich in der Artzeney gebraucht werden.

Jnnerlicher Gebrauch der Küchenschellen Wurtzel
    Es wirdt zu unsern Zeiten die Wurtzel der Küchenschellen höchlich wider die Pestilentz und alle andere Gifft gelobt/ wie wir dann solches auch durch den täglichen gebrauch warhafftig befunden/ derowegen wir es nicht ohne Ursach in unser Latwerg das gülden Eye genannt/ mit andern bequemlichen stücken vermischt haben/ wiewol sie auch vor sich selbst allein gebraucht/ der Pestilentz gewaltigen widerstandt thut: Dann ein quintlein schwer/ diese Wurtzel zu Pulver gestossen/ unnd mit halb Wein unnd halb Essig/ so einen die Pestilentz angestossen hette/ warm eyngenommen/ und zwo oder drey stundt nach vermögen der kräfften darauff geschwitzet/ treibet alle pestilentzische vergifftung gewaltig auss.
    Küchenschellen Wurtzel gepülvert/ unnd dess Morgens nüchtern einer Haselnuss gross mit Wein getruncken/ verhütet den Menschen vor der Pestilentz. Den Kindern soll man täglich ein wenig mit Rosen oder Nägleinblumen Zucker eyngeben.
    So man die Wurtzel zerschnitten/ in Wein beytzen lasset/ und täglich ein Trunck darvon thut/ hilfft dessgleichen/ dass der Mensch vor dieser Sucht bewaret wirdt. Dient auch also genützt wider alle andere Gifft unnd vergifften Thier stich unnd Bissz.

Eusserlicher Gebrauch der Küchenschellen
    Die Bletter von dem Küchenschellenkraut gestossen/ und auff das Haupt geleget/ doch dass zuvor die Haar abgeschoren seyen/ ist ei heylsame Artzeney wieder die Flüss die zu den Augen fallen/ welche man sonst mit anderer Artzeney nicht vertreiben oder stellen kann.
    Gleicherweiss hilfft diese Artzeney auch wider das schmertzliche Hüfftwehe: Man nimpt die frischen bletter dieses krauts/ stösset und leget sie uber die Hüfft/ lasset sie vier oder fünff biss in sechs stunden darauff ligen/ oder so lang biss sie Blasen ziehen/ dardurch dann die schädliche unnd böse scharpffe Feuchtigkeit zu der Haut wirdt gezogen: Darnach zerschneidet man die blasen auff mit einem scherlein/ so fleusset die Feuchtigkeit herauss. Darnach bestreicht man das schmertzhafftig Ort zu heylen und schmertzen zu miltern/ mit frischem ungesaltzenem buttern. Etliche/ welches dann auch besser ist/ die nemmen ein frisch Kölkraut Blat/ wärmen es auff einem heissen Ziegelstein/ schmieren es mit ungesaltzenem buttern/ und legens also uber/ das lindert den schmertzen und heylet baldt.
    Dieses Krauts Bletter etzen auch ab die Runtzeln von den Nägeln an den Fingern: Dessgleichen die Wartzen/ Zittermäler und die Flecken der Haut/ gleichfalls gebraucht.
    Küchenschellenkraut gepülvert/ unnd in die alten Wunden und faulen Schäden gezedelt/ reiniget sie und verzehrt das faul Fleisch darinnen. Solches thut auch der aussgetruckte Safft von diesem Kraut.
    Die Wurtzel von Küchenschellen gepülvert/ und davon in die Nasen gethan/ macht niesen/ und reiniget das Haupt und Hirn.

Küchenschellen Wasser
PULSATILLA AQUA STILLATITIA

    Wiewol das Küchenschellen Kraut von wegen seiner hitzigen brennenden unnd etzenden Krafft nicht innerlich in Leib gebraucht wirdt/ so ist doch das gebrannte Wasser/ das IN BALNEO MARIAE darvon abgezogen wirdt/ viel milter und heylsamer beyde innerlich unnd eusserlich zu gebrauchen. Die beste Zeit aber seiner Distillirung ist im Aprillen/ wann es seine Blumen bringt/ dasselbig mit Kraut/ Blumen und Wurtzeln klein gehackt/ darnach künstlich abgezogen/ unnd folgends wie gebräuchlich/ in der Sonnen gerectificirt/ unnd zum gebrauch behalten.

Jnnerlicher Gebrauch dess Küchenschellen Wassers
    Küchenschellen Wasser ist ein heylsame Artzeney/ zu dem viertägigen Fieber/ so ein Mensch dasselbig anstösset/ vier oder fünff Loth getruncken/ und darauff wol geschwitzet/ dann es treibet den Schweiss gewaltig. Man muss aber das thun/ so offt den Menschen das Fieber ankommet/ so verhütet es die Wassersucht/ unnd andere Zufälle/ die gemeiniglich auff das QUARTAN folgen/ unnd verschaffet dass das Fieber nicht lang weret.
    Gemeldt Wasser gleicher gestalt getruncken/ erweychet den Bauch und machet Stulgäng.
    Küchenschellen Wasser mit gutem Andromachischen Theriack eyngenommen/ also dass dess Wassers seye vier oder fünff Loth/ und dess Theriacks ein Quintlein/ macht gewaltig schwitzen/ vertreibet die Pestilentz/ unnd vertreibet alle Vergifftung durch den Schweiss auss.

Eusserlicher Gebrauch dess Küchenschellen Wassers
    Küchenschellen Wasser in die Nasen eyngesupt/ reiniget das Haupt unnd Hirn gewaltig/ von allen zähen schleim und unreinigkeit.
    Die Wunden und Schäden mit diesem Wasser gewäschen säubert und fürdert sie zur heylung.
    Küchenschellen Wassser erwärmet die erkalten Contracten unnd lahme Glieder kräfftiglich/ unnd bringt sie widerumb zu recht/ dieselbigen zum wenigsten zweymal/ das ist/ dess Morgens unnd Abendts darmit gerieben. Ist derogen den Zitterenden unnd Paralitischen unempfindlichen Gliedern/ solches Wasser ein edel unnd heylsame Artzeney/ so man dasselbige ein Zeitlang/ biss dass man gute Besserung empfindet/ beharret.

Küchenschellen Wurtzel Wein
VINUM EX RADICIBUS PULSATILLAE

    Von den gedörrten oder auffgetruckneten Wurtzeln der Küchenschellen/ kann man im Herbst einen guten heylsamen Wein machen/ wie von der Alantwurtz gelert ist/ und den Most darüber verjehren lassen. Dieser Wein ist ein heylsam Praeservatiff vor die Pestillentzische Vergifftung/ alle Morgen ein Trunck darvon gethan.
    Er dient auch wider alle andere Vergifftung/ dessgleichen wider die Biss und Stich der vergifften Thier/ und ist sehr lieblich zu trincken.

Conservenzucker von Küchenschellenwurtzeln
PULSATILLAE RADICUM CONSERVA

    Von der Küchenschellenwurtzel macht man ein guten Conserven Zucker auff folgende weiss: Man nimpt der frischen Wurtzeln/ von den Härlein und der grawen Haut/ sauber gereiniget und abgewäschen/ viii.Loth. Die schneid man zu kleinen dünnen scheiblein/ darnach stöst mans wol in einem steinern Mörser/ auff das allerkleinest/ und thut xvl.Loth fein Zucker darzu/ stösts widerumb wol durch einander/ biss es wird wie ein Latwerg/ das hebt man auff in einem Zuckerglass zum gebrauch. Dieser Conserven Zucker ist ein herrlich Praeservatiff vor die Pestilentz/ dess Morgens nüchtern einer halben Castanien gross darvon gessen.