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GLIEDKRAUT
Sideritis - Labiatae
VON DEN GLIEDKREUTERN
Der Gliedkräuter/ die die alten Lehrer SIDERITIDES nennen/ der haben wir heutiges Tages sechs Geschlecht.
I. Das erste Geschlecht/ welches DIOSCURIDES LIBR. 4. CAP. 27. beschreibet/ das hat eine kleine/ geelechtige
und zaselechtige Wurtzel/ die Blätter sind dem Andorn ähnlich/ außgenommen/ daß sie länger sind/ etlicher massen den Salbeyen
und Eychenblättern gleich/ kleiner aber/ rauhe und runtzelechtig/ und geringsherum mit subtilen Schnittlein zerkerfft. Die
Stengel sind viereckechtig und haarechtig/ vast anderthalben Spannen lang/ die haben viel Nebenzweiglein daran/ wie auch an dem
Hauptstengel/ zwischen den Blätteren runde Köpfflein/ den Spinnwirteln gleich wachsen/ wie auch an dem Andorn zu sehen/ die
stehen voller schöner/ weißgeeler Blümlein/ welche so sie vergehen/ folget in ihrem Häußlein ein schwartzer Saamen. Dieses
Gewächs hat einen ziemlichen/ lieblichen Geruch/ und ist am Geschmack etwas herbe und zusammenziehend. Dieses Kraut wächst an
steinechtigen/ truckenen Hübeln und Rechen/ deßgleichen auff den Bergen/ die der Sonnen wol gelegen sind: und dieweil es hin und
wieder in unserm Teutschland an allen Orten gemein und wol zu bekommen ist/ wird es nicht in den Lustgärten gezielet.
II. Das ander Geschlecht hat eine Wurtzel kleinen Fingers dick/ die am untersten Theil viel angewachsener
kleiner Würtzlein hat/ der Stengel wird anderthalber und auch zweyer Ellen hoch/ mit vielen dünnen Nebenästlein: Seine Blätter
stehen an langen Stielen/ die sind den Blätteren des Farnkrauts etlicher massen ähnlich/ zu beyden Seithen voll und zerkerfft.
Am Oberntheil der Stengel gewinnet es schöne purpurbraune/ weisse Blümlein/ darauf folgen spitzige/ runde Köpfflein/ darinn ist
der Saamen verschlossen/ welcher runder und härter ist dann der Mangoldsaamen. Dieses Kraut wächst überflüssig in dem
Wormsergau/ deßgleichen bey Creutzenach und zwischen Creutzenach in den gebaueten Fruchtfelderen/ sonst wird es weinig an andern
Orten Teutschlands gefunden/ derowegen es auch von etlichen fleissigen Gärtneren und Kräutlern in den Lustgärten gezielet wird.
III. Das dritte Geschlecht hat eine Wurtzel von vielen Zaseln/ wie die Wurtzel der Wasserbethonien oder
Bachschaums/ daraus viel Blätter herfürwachsen/ den untersten Blätteren des Corianders/ oder den Blättern des Macedonischen
Peterleins ähnlich/ die spreiten sich auf der Erden liegend aus. Es gewinnet glatte/ zarte/ und weißrothe Stengel/ die sind
Spannen hoch/ daran auch Blätter stehen/ sind aber kleiner als die untersten. Oben am Stengel wachsen zwischen den Blätteren
heraus/ kleine vierblättige und braunrothe Blümlein. Das gantze Gewächs hat einen bittechtigen zusammenziehenden Geschmack. Es
wächst in ungebauenen Feldern und Egerten.
IV. Das vierdte Geschlecht hat eine kleine/ holtzechtige/ harte Wurtzel/ mit wenig Zaseln/ daraus wachsen drey
oder vier viereckechtige/ rauhe/ harte Stengel/ vast eines Schuhs lang/ mit Blätter bekleidet. Oben her wachsen daran runde
Köpfflein oder Rollen/ mit schönen weißleibfarben Blümlein/ die vergleichen sich den Rollen oder Würbeln des Candischen
Andorns. Dieses Gewächs hat ein zusammenziehenden trucknenden Geschmack/ ist doch nicht unlieblich. Er wächst in der Provintz
Franckreich/ in Languedock/ und auch in etlichen Orten ITALIAE. Bey uns Teutschen wird es allein in den Lustgärten gezielet.
V. Das fünffte Geschlecht hat ein kleines/ untüchtiges Würtzlein/ darauß wachst ein eckechtiger und
holtzechtiger/ häriger/ rauher Stengel/ mit Nebenzweiglein/ schier einem drauschlechtigen Bäumlein gleich: die Blätter sind den
Blättern des Wassenbahtengels ähnlich/ außgenommen daß sie kleiner sind/ häriger/ runtzlechtiger und kräuser/ dann das
nächstgemeldte Gliedkraut/ obenher am Stengel gewinnt es schöne/ geele Blümlein in runden Crönlein/ die blühen ährenweiß
wie der Ysop/ ist eines guten Würtzgeruchs/ am Geschmack aber bitterlechtig und trucken. Dieses Kraut wird auch bey uns Teutschen
als ein fremd Gewächs in den Gärten gezielet/ aber um Mompelier und Languedock wächst es in grosser Menge von sich selbst/ in
ungebauenten Feldern und Egerten.
VI. Das sechste Geschlecht hat eine krumme/ graue/ holtzechtige Wurtzel/ die sich von ihrem Haupt etwan in zwey
oder drey Theil oder Wurtzeln abtheilet/ eines bitterechtigen/ truckenen/ doch nicht unlieblichen Geschmacks. Daraus wachsen
runde/ holtzechtige Stengel/ vast zwoer Spannen lang/ mit schmalen langen Blättlein/ die sind den Blättlein der weissen Aurin
ähnlich. Am oberen Theil der Stengel hat es bleiche Blümlein wie ein Wirbel/ rund um den Stiel/ dem Wirbel des Andorns gleich.
Dieses Gewächs ist dem Unterteutschland am Rheinstrom nicht bekandt/ aber in dem Schweitzergebürg und Alpen/ deßgleichen im
Gebürg um Genff/ da wächst es von sich selbst.
Von den Namen der Gliedkräuter oder Wundkräuter.
PETRUS ANDREAS MATTHIOLUS, hat unseren gemeinen Wasserandorn mit Gewalt zu dem Gliedkraut SIDERITIDI HERACLEAE
wollen machen/ welches so ein grober und greifflilcher Irrthum ist/ daß er nicht widerlegens werth ist/ dann welcher unser
erstgesetzt Gliedkraut mit dem ersten SIDERITIDI DIOSCURIDIS conferirt/ und alle Noten und Kennzeichen examiniert/ so wird er
müssen bekennen/ daß solches das wahre SIDERITIS HERACLEA DIOSCORIDIS ist/ zu dem stimmen beyde Orth seiner Wachsung/ und auch
die Krafft und Tugend unseres Gliedkrauts/ mit denen so DIOSCURIDES demselben zugibet/ auch durchaus überein/ daß also daran
nichts mangelt.
Daß aber MATTHIOLUS dem gemeinen Wasserandorn zugibtd/ daß es an steinechtigen Orten gefunden werde/ das
möcht ihm etwan geträumet seyn/ dann schier in Teutschland nichts gemeiners/ dann eben der Wasserdost/ aber wird nimmer dann an
feuchten/ sümpfechtigen Orten/ bey den Bächen/ Weyern und dergleichen Orten häuffig gefunden/ wie das männiglich muß
bekennen. Weil wir aber Gott Lob/ den rechten SITERITIM, das ist/ das Gliedkraut haben/ wollen wir den falschen fahren lassen/ und
an seinem gebührenden Ort weiter darvon Meldung thun.
I. Das Gliedkraut heisset Lateinisch/ SIDERITIS, SIDERITIS HERACLEA, parmyrum pythagore, sanguis titani, genitura titani, xantophanea, vertumnum, solastrum.
Bey dem APULEJO HERACLEA, herculania, aristerium, crista gallinacea, und EXUPERA PATRICALIS. Von den Kräutlern/ TETRAHIT und
HERBA TETRAHIT, wiewol auch etliche das heidnische Wundkraut (CONSOLIDAM SARACENICAM) HERBAM TETRAHIT nennen. So nennet AVICENNA
den Erven oder OROBUM auf sein Arabische Sprach/ TETRAHIT. [sideritis vulgaris hirsuta erecta, c. b. prima fuch. cord. in diosc.
ges. hort. tur. thal. quarta, lon. secunda, cam. in matt. sideritis sive ferruminatrix, ad. lob. ic. heraclea altera, gaes.
vulgaris, camer. in epit. tetrahit & herba judaica, lug. ges. col. heraclea, cord.] Bey dem SERAPIONI wird das Gliedkraut
Arabisch/ LIB. SIMPL. CAP. 331. SIDRICHU und EGULUS genannt/ und an anderen Orten/ SERTU. Italiänisch/ SIDERITE. Egyptisch/
sendionor/ in APHRICA, UDEDONIM und UDEDENIUM. Flämisch und Brabändisch/ Glidtcruydt/ und Hochteutsch/ Gliedkraut.
Das zweyte Geschlecht/ wird Lateinisch/ SIDERITIS ALTERA, und von PLINIO LIB. 24. C. 17. SISSITIETERIS, PROTOMEDIA, CASSIGNETIS, und DIONYSIONYMPHADIS
genandt. Von den Kräutleren wird es SIDERITIS CONSOLIDA FLECIFOLIA, und Teutsch/ Farnwundkraut/ und Farngliedkraut genennet.
[sideritis 3. matt. lugd. cast. altera lac. prima, lon.]
III. Das dritte Geschlecht der Kräutler ist/ das dritte Geschlecht SIDERITIDIS, welches PLINIUS LIB. 25. C. 5.
gleich nach dem stinckenden Gliedkraut gedencket/ daraus will MATTHIOLUS SIDERITIM HERACLEAM CRATEVAE machen/ aber er irret sich/
was nun SIDERITIS CRATEVAE ist/ das haben wir oben von den Storckenschnabeln angezeiget/ und ist aber dieses SIDERITIS HERARIORUM
PRIMA. [SIDERITIS 4. matt. lugdun. sideritis tertia, cast.]
IV. Das vierdte Geschlecht/das ist der Kräutler zweyte Geschlecht/ SIDERITIS HERBARIORUM ALTERA, das mag wol
zu dem ersten SIDERITIDI DIOSCORIDIS gezehlet werden/ sintemal es grosse Gleichheit mit demselben hat/ und soll derowegen von
demselben nicht abgesöndert werden. Das wird von den Kräutleren SIDERITIS NARBONENSIS PURPUREA. [sideritis hirsuta procumbens.
c. b. heraclea, clus. hisp. prima heraclea, camer. herculea dioscoridis, caes. herba judaica, dodon. tetrahit herbatiorum, lob.
lugd.] Teutsch/ Leibfarb Gliedkraut genandt.
V. Das fünffte Geschlecht/ kan auch von dem ersten Gliedkraut DIOSDORIDIS nicht abgesöndert werden/ ist das
dritte Geschlecht der Kräutler/ SIDERITIS HERBARIORUM TERTIA, wird sonst genandt SIDERITIS LUTEA, und SIDERITIS MONSPELLIACA.
[sideritis foliis hirsutis profunde crenatis, c. b. monspeliaca scordioides floribus luteis, ad. lob. icon. lug. tragoriganum
prassoides, penninio.] Teutsch/ Gliedkraut von Mompelier/ und geel Gliedkraut.
VI. Das sechste Geschlecht/ das ist SIDERITIS HERBARIORUM QUARTA, wird sonst von den Kräutlern SIDERITIS
MONTANA, und SIDERITIS ANGUSTIFOLIA genandt. [sideritis alpina hyssopifolia, c. b. montana, lobel. lug. septima clus. hist.]
Teutsch/ Berggliedkraut.
Von der Natur/ Krafft/ Würckung und Eigenschafft der Gliedkräuter.
Alle Geschlecht der Gliedkräuter/ reinigen/ säubern/ ziehen zusammen/ heilen und consolidieren/ derowegen sie
nicht allein äusserlich/ sondern auch innerlich in Heilung der Wunden/ Stich und Schüß gebrauchet werden.
Innerlicher Gebrauch des Gliedkrauts.
Es werden von dem Gliedkraut und allen seinen Geschlechten/ von den rechten wahren CHIRURGIS und Wundärtzten
(ich meine nich Schärenschleiffer/ Schnabelwäscher oder Baderhütmacher) heilsam gute Wundträncke bereitet/ die alle Stich und
gehauene Wunden schnell vom Grund heraus heilen/ unter welchen der nachfolgende nicht der geringste ist/ und offtermals probiert
und gut erfunden worden/ den bereite also: Nim Gliedkraut/ anderhalb Handvoll/ Sonnenguntzel/ Sinnau/ des grossen
Fünfffingerkrauts/ Künigundkraut/ Häselen Mispel mit den Blättern und Beeren/ Schadheil/ jedes 1. Handvoll/ Eisenkraut/
Schlüsselblumenkraut/ Teuffelsabbiß/ Hasenöhrleinkraut/ sonst auch spitz Wundkraut genandt/ jedes eine halbe Handvoll.
Zerschneid all diese Stück klein/ thue sie in eine Kante/ schütte darüber anderthalb Maß Weins oder Biers/ verlutier die Kante
und stelle sie in ein Kessel mit siedendem Wasser/ lasse sie sechs Stunden darinn in stäter Hitz sieden/ und wann es kalt worden/
so seihs durch ein Tuch und behalts zum Gebrauch. Darvon gib dem Verwundten alle Morgen und Abend/ 4. Loth zu trincken.
Wann einer mit der Kugel geschossen worden wäre/ ist folgender Wundtranck vor allen andern nicht zu
verbessern/ dann er heilet nicht allein gewaltig/ sondern er löschet auch den Brand vom Pulver/ treibet den aus dem Leib/ und
lässet keine Hitz oder Wundsucht zu dem Schaden schlagen/ darvon soll man dem Krancken Morgens nüchtern/ Nachmittag um zwey Uhr/
und des Abends/ jedesmal 3. Loth zu trincken geben/ den bereite wie folget: Nim Farngliedkraut/ 3. Handvoll/ Beyfußkraut/ zwey
Handvoll/ Weingrün/ heydnisch Wundkraut/ Egelkraut/ Erdbeerkraut mit den Wurtzeln/ Nagelkraut/ jedes anderthalb Handvoll/
Schwalbenwurtz/ die Juncken von den Brombeerhecken/ Wintergrün/ gülden Leberkraut/ Benedictenwurtzel/ Weißwurtz/
Angelickwurtzel/ jedes 1. Handvoll. Alle gemeldte Stück zerschneid klein/ vermischs durch einander/ theile es darnach ab/ und
wiege es in vier gleiche Theil/ davon nim 1. Theil/ thue es in eine Kante/ schütte darüber 4. ächtmaß gedistilliert
Beyfußwasser/ ein halb Maß guten fürnen Wein/ und thue noch darzu 6. Loth guten fein Zucker: verlutir darnach die Kante/ und
laß zum wenigsten fünff Stunden/ in einem Kessel mit Wasser gesetzt/ sieden/ dann thue die Kante heraus/ und wann es kalt worden
ist/ so seihe den Tranck ab durch ein Tuch/ verwahre den wol vermacht in einem Keller und brauche ihn wie gemeldet.
Gliedkraut 2. Theil/ und 1. Theil weissen Weyrauch/ zu einem subtilen Pulver gestossen/ und eins Quintleins
schwär mit dreyen Untzen gedistilirtes Nachtschatten- oder Wegweißwasser getruncken/ und das eine Zeitlang beharret/ alle Tage
des Morgens nüchtern/ heilet die Geschwär der Nieren.
Das vierdte Geschlecht des Gliedkrauts/ Leibfarb Gliedkraut genandt/ in Wein gesotten/ und den durchgesigen/
darvon alle Morgen und Abend jedesmal 4. Untzen warm getruncken und eine Zeitlang beharret/ vertreibt den weissen Mutterfluß und
trucknet den aus. Dieser Tranck heilet auch die Weydbrüch/ und was sonst im Leibe zerbrochen ist.
Eusserlicher Gebrauch des Gliedkrauts.
Die Blätter des Gliedkrauts abgestreiffet/ und mit Schweinenschmaltz gestossen/ und wie ein Pflaster
temperirt/ zertheilet und vertreibet die Geschwär hinder den Ohren/ PAROTIDAS genandt/ übergeleget.
Gliedkraut gestossen/ und wie ein Pflaster übergeleget/ mindert die grossen geschwollenen Adern an den
Schenckeln.
Die Blätter des Gliedkrauts zerstossen/ und wie ein Pflaster übergeleget/ hefften die Wunden zusammen/ und
heilen dieselbige ohn einige Entzündung und der Hitz. Wann auch eine Wundsucht zu einer Wunden geschlagen wäre/ und man das
Kraut gestossen frisch darauf bindet/ leget es alle Entzündung und mildert den Schmertzen.
Gliedkraut gedörret und zu Pulver gestossen/ darnach mit Honig vermischet wie ein Pflaster/ auf ein Tuch
gestrichen und übergeleget/ das heilet alle Wunden.
Gliedkraut gestossen/ und über eine Wunde gebunden/ stillet das Blut. Das thut auch das Kraut/ zu Pulver
gestossen und in die Wunden gestreuet.
Gliedkraut äusserlich auf alle Manier gebrauchet/ heilet den Brand vom Feuer.
TARENTINUS bey dem Käyser CONSTANTINO LIBR. 3. CAP. 9. von dem Feldbau spricht: Wann einer Gliedkraut bey ihm
hat/ so möge er lebendige Scorpionen angreiffen/ daß ihm kein Schaden wiederfahre.