1 / 54-55
(EBERRAUTE)
VON DEN GANFFER KRÄUTERN
Dieweil wir in der Beschreibung der Stabwurtzkräuter/ auch dess Ganfferkrauts gedacht/ und etliche die
Stabwurtz auch Ganfferkraut nennen/ haben wir hie in diesem Capitel noch zwey Ganfferkräuter/ die die Medici der weltberümbten
Schul zu Mompelier vor Ganfferkräuter halten.
l. Das erste Geschlecht hat eine holtzechtige harte Wurtzel/ mit wenig Zaseln oder Nebenwürtzlein/ darauss
wachsen viel kleiner/ zarter und gerader stengel/ auff anderhalb Spannen lang/ die seynd mit viel kleinen/ zarten/ weichen
Blätlein umbgeben/ die stehen dick in einander/ anzusehen wie die Lerchen Blätlein/ die an den Lerchenbäumen wachsen: So man
die käuwet/ seynd sie ungeschmack auff der Zungen mit einer trückne. Diss Kraut ist in Teutschlandt unbekant/ wie auch in
Franckreich und andern mehr Landen/ wächst allein zu Mompelier auss den Rissen der alten Gebäuwen unnd Mauwren/ unnd an
steinechtigen Orten/ von dannen ich es bekommen.
ll. Das ander Geschlecht ist dem jetztgemeldten etlicher massen gleich/ bringt herfür sechs oder sieben kleine
Stengelein einer Spannen lang/ die kommen von einer kleinen holtzechtigen Wurtzeln/ mit fünff oder sechs Nebenwürtzlein. Die
Bletter umb die stengel sind ein wenig grösser als dess vorigen/ stehen auch nicht so dick in einander: Am ober theil der Stengel
kommen zwischen den Blätlein herfür kleine zarte und wollechtige bleichgeele Blümlein/ haben keinen sonderlichen Geruch noch
geschmack/ ohn dass man im käwen eine truckne vermerckt auff der Zungen.
Von dem Namen der Ganfferkreuter
Das erste Kraut wirdt zum unterscheidt der zahmen unnd wilden Stabwurtz/ welche beyde CAMPHORATAS genannt
werden/ CAMPHORATA MONSPELIACA MAIOR geheissen: Dann NICOLAUS verstehet durch CAMPHORATAM die wilde Stabwurtz. GILIBERTUS ANGLICUS
aber unnd LEONARDUS DE BREDA PALEA, wöllen CAMPHORATA seye die Zahnstabwurtz/ denen folgen nach IACOBUS MANLIUS, und viel
gelehrte DOCTORES MEDICI zu unserer zeit/ und brauchen in die Salbe UNGUENTUM MARTIATON die Stabwurtz PRO CAMPHORATA. Nun sind
auch etliche die da meynen/ dass jetzt die beschriebene CAMPHORATA MONSPELIACA seye das CHAMAEPEUCE PLINII, unnd wiewol sich
solches nicht fast ubel mit der Description CHAMAEPEUCES vergleicht/ halten wir doch dass CHAMAEPEUCE ein ander Gewächs seye/
unnd das nicht ohne ursach/ wie wir an seinem Ort davon gnugsam meldung gethan.
Das ander und kleiner Ganfferkraut/ wird zum underscheid dess ersten CAMPHORATA MINOR geheissen$etliche haltens
vor ein Geschlecht ANTHYLLIDIS, darvon weiter an seinem Ort. Hochteutsch nennen wirs zum unterscheid dess ersten und grössern
klein Ganfferkraut.
Von der Krafft/ Eygenschafft und Wirckung der gemeldten Campherkreuter
Die jetztgemeldten Kreuter haben eine Krafft zu trucknen/ zu heylen und zu schliessen. Derwegen sie von den
Wundärtzten und MEDICIS zu Mompelier höchlich vor Wundkreuter/ frische Wunden/ und flüssige Schäden damit zu heylen/ gepriesen
werden. Die brauchen sie zu den Pflastern und Wundsalben. Sonst weiss man heutiges tags weiter krafft und wirckung nich von diesen
Kreutern.