1 / 180-181
BÄRWURZ / BÄRENFENCHEL
VON DER BEERWURTZ
Die Beerwurtz hat lange Wurtzeln/ fast kleinen Fingers dick/ die wachsen in der Erden hin und wider/ etliche
auffrecht/ die andern krumb/ zwerch durch und durch einander/ spreiten sich weit auss/ eines guten lieblichen geruchs/ und
hitzigen scharpffen geschmacks. Das ober theil der wurtzel gegen dem Kraut und stengel/ ist mit vielem rauhem Haar bedeckt und
uberzogen. Die zinnlechtigen zerschnittene Bletter sind dem Dillkraut durchauss gleich/ so es aber in feysten orten gefunden wird/
sind sie etwas volkommenlicher und den Bletter dess Fenchels so ähnlich/ dass die jenigen die es nit wol kennen vor Fenchel
ansehen möchten. Der rund stengel wächst gemeiniglich zweyer Ehlen hoch/ der hat seine Gleych unnd Gewerblein/ wie der Fenchel
oder Dillkraut: im ober theil der stengel und Nebenzweiglein hat sie schöne Cronen/ mit sehr kleinen weissen Blümlein/ wann
dieselben vergehen und abfallen/ folget ein kleiner Samen/ welcher wann er zeitig wird/ vergleichet er sich dem Bockspeterlein
oder weissen Bibernellen Samen. Diese Wurtzel wächst im Schwartzwaldt und in andern hohen Gebirg/ dessgleichen auff den
bergechtigen Wiesen/ und andern dergleichen orten unsers Teutschlandts/ die Sonnreich seyndt. Man zielet sie auch in den Gärten
von dem Samen/ wiewol sie viel eher fortwachsen/ so man die Häupter der wurtzeln zertheilet unnd abresiiet/ und darnach
pflantzet. Sie wehret unnd helt lange zeit in den Gärten.
Von den Namen der Beerwurtzel.
Die erste unnd rechte Beerwurtz/ welche das warhafftig MEUM der Alten ist/ wirdt Lateinisch
genant/ MEUM und von den
gemeinen Aertzten und in den Apotecken INDECLINABILITER MEU. Bey den Kreutlern wirdt es wie auch bey den Alten MEUM ATHAMANTICUM,
und auch SIMPLICITER ohne fernern Zusatz ATHAMANTICUM, zu underscheidt dess falschen MEI, genannt. Sonst wird es weiter von den
Kreutlern/ ANETHUM SYLVESTRE, ANETHUM URSINUM, ANETHUM TORTUOSUM, FOENICULUM VISINUM, FOENICULUM TORTUOSUM unnd SITTRA geheissen.
Hochteutsch/ Beerwurtz oder Bärwurtz/ wilder Dill/ Beerendill/ Beerenfenchel/ Haussmarck/ Mutterwurtz/ Beermutterwurtz und
Hertzwurtz.
Von der Natur/ Krafft/ Wirckung und Eygenschafft der Beerwurtz.
Es hat die Beerwurtz ein Krafft und Eygenschafft zu wärmen unnd zu trucknen/ ist warm im dritten unnd
trucken im zweyten Grad. Es hat auch die zweyte Beerwurtz ein Krafft zu wärmen unnd zu trucknen/ wirdt aber heutiges Tages/
seither das warhafftig MEUM bekandt/ nicht weiter in der Artzeney gebraucht.
Jnnerlicher Gebrauch der Beerwurtzel.
Das Rindvieh jsset dz Kraut von der Beerwurtz fast gern/ unnd bekommen die Kühe viel Milch darvon/
darauss treffentliche gute Käss im Schwartzwald unnd andersswo gemacht werden.
Eusserlicher Gebrauch der Beerwurtzel.
Ein Lendenbad von Beerwurtzkraut und Wurtzel gemacht und darein gesessen/ das bringet den Weibern jhren
natürlichen Monatblumen. Oder das Kraut unnd Wurtzel in Wasser gesotten/ unnd den Dampff darvon durch ein Trechter in die Mutter
empfangen.
Gedistillirt Beerwurtzwasser.
Wiewol das Beerwurt-Wwasser nicht in dem gemeinen Brauch ist/ so ist es doch zu den nachfolgenden Gebrechen bewehrt befunden. Die beste zeit seiner distillirung ist im hewmonat/ die Wurtzel/ Kraut und Blumen mit dem halbzeitigen samen klein gehackt/ darnach in BALNEO MARIAE gedistillirt/ unnd in der Sonnen gerectificirt und auffgehalten.
Jnnerlicher Gebrauch dess Beerwurtzwassers.
Beerwurtzwasser getruncken/ eröffnet die verstopffung der Leber/ der Nieren/ Harngäng/ und der
Blasen/ vertreibet die Geelsucht/ Wassersucht/ den schmertzen der Därm und der Mutter/ führet auss den Stein/ treibet den/
vertreibt die Harnwinde/ und das tröpfflingen harnen.